Lappland: Schneewehen und Nachwehen

DSC00493Die Sonne scheint durchs geöffnete Fenster und wärmt mich, von draußen höre ich ohne Unterlass die Vögel zwitschern, als wollten sie den Frühling so herbeizwingen. Der Schnee ist längst weg geschmolzen, doch vor meinem inneren Auge ist er immer noch da: in einer Unermesslichkeit, wie man sie im finnischen Lappland findet.

Ja, ich bin wieder zuhause, doch bekanntlich braucht die Seele länger. Sie reist zu Fuß. Und wenn ich meine Augen schließe, dann bin ich noch dort…

Der See ruft

Ich habe mir das System 5 x 2 zu eigen gemacht: zwei Paar Socken, zwei Hosen, zwei Pullis, zwei Jacken, zwei Paar Handschuhe. Wobei die rechten meist in der Tasche sind, weil ich freie Hand brauche zum Fotografieren. Anfangs war die rechte Hand deswegen ziemlich beleidigt, aber inzwischen hat sie sich fast an die Kälte gewöhnt und macht relativ brav ihren Job.

Eigentlich bin ich hundemüde und es gibt keinen Grund, im Urlaub so früh auszustehen. Aber irgendwas zieht mich nach draußen. In den stillen Morgen, an den stillen See.

Also stapfe ich hinaus. Der See ist nur wenige Schritte entfernt. Es ist kurz vor Sonnenaufgang. Krrruussch – krrrusssch….Schnee knirscht hier anders, lauter und intensiver. Vermutlich, weil es das einzige Geräusch ist, hier, heute morgen, auf dem Ylläsjärvi.

LICHT gibt es hier in Lappland nach der langen dunklen Zeit, ‚Kaamos‘ genannt, schon wieder mehr als ausreichend. Rund elf Stunden Tageslicht sind es mittlerweile. Und jeden Tag kommen rund acht Minuten dazu.

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Das Auge hat Platz – wandert über den großen See, über die große Schneefläche, bis zum Horizont, ein schwarzes zackiges Etwas, aus ungezählt vielen Tannen und Kiefern und Birken bestehend. Der Himmel zeigt nur ein paar scheue Schleier kurz über dem Horizont und auf der anderen Seite des Sees geht der Mond gerade in einem orange unter, das jedem Straßenkehrer Konkurrenz machen könnte.

Morgenstille

Die Kälte der Nacht ist noch da und pirscht sich langsam an mich heran, umhüllt mich langsam und unentrinnbar. Bodennebel zieht auf. Der Schnee ist tiefblau. Blaue Stunde. Die Luft ist kalt, klar und sauber – fast hygienisch rein.

Stille.

Ich lasse mich einfach einhüllen, berühren und einfangen von der Stille, von der friedlichen, weichen Ruhe. Sie hüllt mich ein wie eine warme weiche Decke. Keine Erwartungen. Kein Lärm. Kein Druck.

Ich sinke ein in den Schnee, in den Frieden und in die Zeitlosigkeit. Und die Stille sickert ein in mich und breitet sich aus und lässt meine Gedanken ganz still werden und schließlich ganz verstummen.

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Ich genieße die Ruhe, die Weite – lasse meine Gedanken treiben, meine Augen schweifen und freue mich an den vielen Formen, die der Schnee – auch auf so einer auf den ersten Blick einheitlichen glatten Fläche zu erzeugen vermag – zusammen mit Kälte und Wind – entdecke immer neue Formationen, Linien und Gebilde.

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Schneetiefe Erfahrungen

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© Daniel Zehrfeld

Eigentlich sollte ich es ja nun langsam wissen: Wege, die nicht ausdrücklich und klar als solche erkennbar sind, sind keine Wege. Die kann man nicht betreten, sollte es nicht mal versuchen. Auch kann man nicht einfach mal ein paar Meter in den Wald stapfen, um dort ein besonderes Motiv einzufangen. Genausowenig, wie neben dem Schneeschuhweg oder der Langlaufloipe. Man sackt sofort tief ab, meistens bis zur Hüfte. Wenn man Glück hat, etwas weniger. Und wenn man in der einen Hand die Kamera, in der anderen das Stativ hat – ist das Sich-rauskämpfen ungefähr vergleichbar wie aus einem Moorloch zu kommen oder sich aus Treibsand zu befreien.

Die ganze Welt hier liegt durch den weißen Teppich einfach rund einen Meter höher.

DSC00880Aber es passiert mir immer wieder. Nachdem ich auch heute morgen wieder „abgesoffen“ bin im Schnee, hab ich erst geflucht und dann innerlich grinsend ein imaginäres Selfie gemacht – schließlich einigermaßen rausgekämpft, um gleich wieder zu versinken, auf Knien weitergerutscht und mir schließlich einen schmalen Pfad freigestampft, so dass ich endlich mit einer Reihenaufnahme beginnen kann, die ich schon lange im Kopf habe. Den Schnee, der sich mal wieder trotz aller Vorkehrungen bis zu meinen Socken vorwagt, um eins mit ihnen zu werden, ignoriere ich diesmal einfach. Soll er doch machen, was er will.

200 km nördlich vom Polarkreis steh ich hier nun und frag mich, warum es mich hier her zieht, was hier auf mich wartet, was hier für mich liegt.  Und warum es so schwer zu fassen ist. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, die Antwort könnte hinter dem nächsten Baum oder der nächsten Schneewehe liegen. Oder der übernächsten.

Doch je näher ich komme, umso schneller entgleitet sie mir, verschwimmt die Antwort, versinkt im Schnee oder versteckt sich hinter der nächsten Schneewehe, bevor ich sie fassen kann.

Kaffee ruft mich. Und das typische dunkle finnische Brot. Und Puuro – mit viel Beerensoße. An diesem wunderbaren Morgen.

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Zu Lappland siehe auch:

– Johanna und ihre Rentiere

 PS und Adrenalin

– Lady Aurora bittet zum Tanz

– Langlauf durch unendliche Stille

– Lappland ohne Worte

– Lappland: Glücksgefühle

– stürmische Nacht

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5 Kommentare zu Lappland: Schneewehen und Nachwehen

  1. Jürgen sagt:

    … SCHÖN …
    Einfach toll dies so zu lesen, als ob man direkt mit Dir dabei war …

  2. Matthias sagt:

    Könnte funktionieren, das mit den Reisen im Kopf 😉 Kenne Lappland zwar bisher „nur“ im Sommer, aber jetzt beim Lesen hat’s mich gleich wieder hin zurückversetzt. Danke 🙂

    Sehr schön und treffend eingefangen: die Stimmung, das Gefühl und diese irgendwie nicht ganz fassbare Anziehung!

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