Mallassauna in Oulu – Hopfen und Hitze

Mallassauna Oulu

Es ist einer dieser Sommertage in Oulu: Über den Marktplatz weht der Duft von frisch gebratenen Muikku, ein paar Möwen kreischen und kreisen und von irgendwoher kommt Musik. In den Marktcafés sitzen gut gelaunte Menschen und genießen die Sonnenstrahlen.
Wir sind auf dem 65. Breitengrad, hier zieht sich der Sonnenuntergang Anfang August bis nach Mitternacht und die Luft ist weich.

Wir schlendern über den Marktplatz Richtung Wasser, vorbei an den alten, roten Lagerhäusern zur Fußgängerbrücke, die uns nach Pikisaari bringt – eine kleine, malerische Künstlerinsel, nur ein paar Minuten vom Stadttrubel entfernt – still, charmant, aber nicht vergessen vom Rest der Stadt. Hier steht sie: die Mallassauna auf Pikisaari.

Mallassauna in Oulu von der Brauerei Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog

Pikisaari

Mir gefällt schon der Name: Piki (Pech) und saari für Insel. Unser Hund früher hieß Piki, weil er pechschwarz war.
Jahrhundertelang lebten hier Fischer, Pechbrenner und Schiffsbauer. Aus Teer wurde Pech gekocht. Pikisaari war ein Ort, an dem gearbeitet wurde, nicht flaniert. Später kamen Lotsen, Soldaten und Industriearbeiter dazu. Die Insel war laut, rußig, voller Maschinen, Werkstätten und Werften.
Seit den 1980ern hat sich Pikisaari verwandelt. Die Industrie verschwand, die alten Holzhäuser blieben und zogen Künstlerinnen, Designer, Kunsthandwerker an. Heute ist die Insel ein entspanntes Kreativquartier mit Ateliers, Werkstätten, kleinen Kulturorten und Menschen, die das besondere Licht und die Ruhe schätzen.
Warum Pikisaari so besonders wirkt? Weil man hier die Schichten der Zeit sieht: raues Industrieerbe, maritime Vergangenheit und ein heutiges Leben, das bewusst langsam und handgemacht ist. Pikisaari ist Oulus charmantestes Beispiel dafür, wie ein Ort sich neu erfinden kann, ohne seine Seele zu verlieren.

Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog

Mallassauna - Hopfen und Hitze

Keine Ahnung, was uns erwartet. Mallassauna heißt übersetzt: Malzsauna. Was aber nicht heißt, dass hier Malzaufgüsse in der Sauna serviert werden. Der Name spielt charmant auf die Verbindung von Saunakultur und Bierkultur an. Denn hier bekommt man beides: frischgezapftes Bier der Hailuodon Panimo und Schwitzen in einer der beiden Holzsaunen, die mit spitz aufragenden Dächern gleich neben dem Gebäude warten.

Der erste Eindruck? Eine Mischung aus industriellem Schick und urbaner Gemütlichkeit. Das Gebäude der Mallassauna ist ein denkmalgeschützter ehemaliger Mälzereikomplex aus dem 19. Jahrhundert (daher der Name!). Rauer, roter Backstein, typisch für alte Industriearchitektur. Innen leuchtet als Lichtreklame der Name Mallassauna und ein langer Bartresen mit vielen Zapfhähnen. Hinter der Bar: Leute, die ihr Handwerk verstehen.

Wer sich nicht für ein einziges Bier entscheiden kann – und das wird hier schwer –, bestellt am besten ein Tasting-Set: vier kleine Gläser, randvoll mit Charakter. Von einem herben Insel-Pils über ein dunkles, malzbetontes Märzen bis hin zu saisonalen Spezialitäten wie Gose oder Roggenbock. Jedes Glas erzählt seine eigene Geschichte – von der salzigen Luft Hailuotos bis zum letzten Aufguss des Braumeisters. Das Probierbrett ist nicht nur ideal für Unentschlossene, sondern ein echtes Ritual für alle, die Bier nicht nur trinken, sondern erleben wollen.

Mallassauna in Oulu von der Brauerei Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog

Hailuodon Panimo - Wie alles begann

Hailuodon Panimo ist eine der sympathischsten Erfolgsgeschichten der Region – ein kleines, eigenwilliges Inselprojekt, das sich zu Finnlands erster Bio‑Bierbrauerei entwickelt hat.
Gegründet wurde die Brauerei 2015 von Kimmo Kaukonen und Jürgen Hendlmeier. Hendlmeier kommt eigentlich aus der Musikbranche und hat so auch seine finnische Frau kennengelernt, die Sängerin und Songwriterin ist. Sie kommt aus Hailuoto. Erst lebten beide in Berlin, dann in Helsinki und irgendwann waren sie buchstäblich “reif für die Insel”.


Die Idee zur Brauererei entstand – herrlich unspektakulär – während einer Überfahrt nach Hailuoto, als Jürgen und sein Freund darüber nachdachten, wie man die Insel beleben könnte. Beide hatten keinerlei Brauerfahrung, aber auch keine Hemmungen – lernen kann man schließlich so ziemlich alles. Also machten sie sich im Land des Bieres, in Bayern schlau, was es so alles braucht, um ein gutes Bier zu brauen.
Das wollten wir natürlich sehen und haben uns auf den Weg nach Hailuoto gemacht, um die Brauerei zu finden und Jürgen zu treffen.


Nach Hailuoto kommt man nur mit der Fähre, die im Sommer tagsüber jede halbe Stunde fährt. Rund 25 Minuten dauert die Überfahrt, bei der man sich den Wind um die Nase wehen lassen kann. Und das Beste: die Überfahrt ist gratis für alle – ob zu Fuß, Rad oder mit dem Auto. Im Winter friert hier die Ostsee meist zu und dann gibt es eine Eisstraße, auf der man zur Insel fahren kann. Doch die Tage sind gezählt, denn ein Damm plus Brücke sind geplant. Die Bauarbeiten dazu sind bereits in der Ferne erkennbar.
Seit Frühling 2024 wird diese Straßendamm-Brückenverbindung zwischen Riutunkari (Festland) und Huikku (Hailuoto) gebaut, etwa 8,4 km lang, davon rund 7 km als künstlicher Damm und etwa 1,4 km als zwei Stahlbetonbrücken. 2026 soll es fertig sein.

Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog

Hailuoto und Hailuodon Panimo

Die Brauerei sitzt in einem historischen roten Holzgebäude auf Hailuoto aus dem 19. Jahrhundert.  (Adresse: Luovontie 233, Hailuoto)
Jürgen öffnet für uns eine Tür, sodass der Braukessel sichtbar wird. Gebraut wird hier klassisches Bier, inspiriert von süddeutschen Bieren und IPA. „Das heutige Bierbrauen ist ein hochentwickelter industrieller Prozess, bei dem alle Parameter sorgfältig kontrolliert werden. Dennoch beinhaltet das Brauen immer noch einen Hauch von Geheimnis und Magie. Die chemischen Reaktionen und die Fermentation sind komplexe Prozesse, wobei Wasser als Hauptzutat der einflussreichste Faktor ist“, erzählt uns Jürgen.

Das Besondere: Das Bier wird gebraut mit lokal angebauter und gemälzter Bio‑Gerste, mit Bio‑Hopfen aus Deutschland und dem besonderen Wasser aus Hailuoto, so Jürgen. „Das Wasser hier – das ist das Geheimnis“, sagt er. Und: „Wir brauen so, wie man’s früher gemacht hat. Nur besser.“ Das Grundwasser aus Hailuoto ist durch die besondere Bodenbeschaffenheit besonders weich und sauber.
Die Brauer setzen bewusst auf wenige, stabile Sorten statt ständig neuer Experimente – ein Gegenentwurf zum üblichen Craft‑Beer‑Hype.
Jürgen wollte hier etwas schaffen, das der Insel etwas zurückgibt, Arbeitsplätze schafft und Hailuoto als Ort stärkt. Viele Inselbewohner sind sogar Kleinaktionäre geworden – ein Gemeinschaftswerk im besten Sinne.

Jürgen Hendlmeier, Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog
Jürgen Hendlmeier, Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog
Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog
Hailuodon Panimo. Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog

Wie genießen die entspannte Atmosphäre, das süffige Bier und das Gefühl, auf einer wunderschönen Insel zu sein. Damit verbunden ist auch das angenehme Gefühl von Abgeschiedensein, von kurz-mal-weg-sein und ein bisschen auch das Gefühl, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Und wenn es auch nur für diesen Nachmittag ist.

Und doch schwingt auch schon ein bisschen Wehmut mit. Denn was wird wohl mit der Insel passieren, wenn die Brücke fertig ist und die Insel strenggenommen keine mehr ist. Wie wird es das Leben der Inselbewohner verändern? Doch noch ist es nicht soweit. Und die Sonne scheint auf Hailuoto. Und wir genießen jeden Strahl und jede Minute hier.

 

Lese gleich weiter: Aus Mallassauna wird Mallasstage – Oulu feiert den Sommer!

Geschichten aus Oulu

tarja prüss

Wer schreibt auf Tarjas Blog?

Tarja Prüss ist deutsch-finnische Journalistin, Autorin und Finnlandexpertin mit familiären Wurzeln in Oulu. Sie schreibt für verschiedene Medien, ist in ARD, SWR und Kultursendern zu Gast und hält Vorträge sowie Lesungen über Finnlands Glücksgeheimnis, Natur und Kultur. Manchmal ist sie auch als Reiseleiterin unterwegs in Finnland. Auf ihrem Blog teilt sie persönliche Einblicke, Reisetipps und Hintergründe – fundiert, inspirierend und authentisch. Sie liebt Kaffee, Tretschlitten und Lakritz.

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