rotes holzhaus im schnee

Abschiedsmodus

copyright: tarja prüss
mein Häuschen in Haukipudas

Befinde mich langsam im Abschiedsmodus.
Die Gedanken kreisen … 

Die Gedanken kreisen um meine Heimfahrt, Weihnachtsgeschenke, Mitbringsel, die Strecke, eine Autowerkstatt in Helsinki, die Fähre, Übernachtungsmöglichkeiten…
Was hier noch zu tun und zu erledigen ist, Abschiedsgeschenke, Abschied nehmen…

Mich wieder auf den Weg machen. Hab mich hier so wohl gefühlt.
Habe UNGLAUBLICH VIEL gelernt in dieser Zeit, viele Herausforderungen angenommen, einige Antworten gefunden.

Ein wundersames und wunderschönes Land kennengelernt, einige seiner Menschen, einen besseren Einblick in Sprache, Kunst und Musik erhalten, ein tieferes Verständnis von ihrem Denken und Fühlen, neue Verbindungen zu Familie und Wurzeln entdeckt, worüber ich mich sehr freue.
Weiß jetzt, warum es mich so stark hierher gezogen hat.  

Und verstehe meine Mama jetzt sooo viiiel besser. 

copyright: tarja prüss
Habe viele einzigartige Erfahrungen gemacht und großartige ausnahmslos freundliche Begegnungen gehabt, die mein Leben bereichert haben. Habe bis dato alle Schwierigkeiten gemeistert. 8.000 Kilometer. Und jeder einzelne war es wert. Und rund 3.333 kommen noch!

Über 7.000 Fotos. Und noch mehr Bilder im Kopf. Und im Herzen. Und so vieles im Blog noch gar nicht erzählt: das Artikum in Rovaniemi, Karaokesingen, die Samen, Ausstellungen, pikkulauantai, die Bärenhöhle, warum vieles besser durchdacht scheint, Tanznachmittage, finnischer Humor, die Holzkirche im Wald, die Trockenschränke, das Korundi,…
Mal raste die Reise wie in Lichtgeschwindigkeit, so viele Eindrücke prasselten auf mich ein, manchmal musste ich warten, bis der Kopf nachkam. Mal gings nur mühsam und kräftezehrend über steiniges und holpriges Gelände, mal nur im Schneckentempo. Manchmal auch Stillstand. 
Luftholen, auftanken, innehalten, in sich horchen.

Stille, wie sie von den unendlichen Seen und unendlichen Wäldern ausgeht, habe ich gehört, genossen und aufgesogen, inneres Erleben. Von der Heilung bis zum tiefsten Abgrund. Alle Varianten.
Eine Stille, in der man meint, zuschauen oder zuhören zu können, wie die Minuten und Stunden ganz gemächlich Stück für Stück, in den Ozean der Ewigkeit tropfen. Wie aus tausenden kleinen Tropfen, die sich zusammentun, eine Welle entsteht, sacht am Ufer anklopft, vergeht, und neu entsteht. Eine unendliche Wiederkehr des Gleichen.
„Stille ist die größte Offenbarung“, hat Laotse gesagt. Ja. Uneingeschränktes Ja. 

Einsamkeit in dieser über weite Strecken menschenleeren Wildnis gespürt und ausgehalten, ja schätzen gelernt. Die einzigartige Landschaft berührt einen, macht was mit einem.

 Ich bin dankbar. Für jeden Tag. Mal hell-strahlend-überschäumendes Glück – mal melancholisch-düster-traurig-verzweifelte Finsternis. Mal mit atemberaubenden Sonnenauf- und untergängen – mal mit Wind, der Gedanken Gefühle, Standpunkte durcheinander wirbelte – mit Regen, der alten Staub und Überflüssiges weggewaschen hat – mit Schnee, der Sichtbares unsichtbar machte und umgekehrt – oder mit Sturm, der mir den Kopf freiblies.
All das war gut. 
 

Finnland Abschied

Ich habe Wolken gezählt, Eisblumen bewundert, mit Schneeflocken getanzt, Regentropfen gefangen, mit dem Wind geflüstert, und den kreativen Phasen freien Lauf lassen dürfen. Regenbögen und Polarlichter haben mich im Innersten berührt.

Ich habe neue Welten kennengelernt, die es jetzt vielleicht auszubauen gilt.
Ich habe altes und bekanntes schätzen gelernt, so manches/n vermisst, und einiges hinter mir gelassen.

Diese Reise und dieses Land haben mich reich beschenkt. Mit Erfahrungen, Erkenntnissen, Gefühlen. Eine reiche Palette von Sinneseindrücken. „Wenn die Sinne zusammenkommen, erscheint die Seele“, hat der argentinische Schriftsteller Bioy Casares gesagt.

Der Fotokurs fordert mich weiterhin. Aber er schärft auch die Sinne, den Blick. 
Den Fokus verändern, die Perspektive wechseln, manchmal auch alles schwarz-weiß, aus einem anderen Blickwinkel betrachten, dem Leben mehr Tiefenschärfe verleihen. Nicht nur beim Fotografieren.

Nicht alle Fragen, die ich mit im Gepäck hatte, sind beantwortet. Ganz im Gegenteil: neue haben sich eingeschmuggelt. Blinde Passagiere ohne Fahrschein. Aber klug, unbeugsam und hartnäckig.

Jetzt ist es Zeit, das wirken zu lassen, heimzukommen und weiteres Neuland zu betreten.
Ich bin nicht traurig, dass es nun nach Hause geht. Ich hab Anfangs- und Endpunkt der Reise selbst gewählt. Ich freu mich sehr, meine Familie und Freunde wiederzusehen, auf mein altes Zuhause und ich freu mich auf die Weiterreise. 

Denn die Reise ist noch nicht vorbei!!! Jetzt gehts erstmal über leichte Umwege nach Helsinki!

Und die EIGENTLICHE Reise ist sowieso nicht vorbei. Wir alle treten sie an. Jeden Tag von vorn.

Ich bin weiter neugierig und gespannt… 


copyright: tarja prüss


6 Kommentare zu „Abschiedsmodus“

  1. Das Bedarf wohl keiner weiteren Worte !!!
    Einfach Toll…
    Man liest schön zwischen den Zeilen, das es Dir richtig gut geht …
    Und das freut uns alle… … ….

  2. Vielen, vielen Dank für deinen wunderbaren Blog!!!
    Natürlich lässt sich leichte Wehmut nicht ganz verdrängen, warum auch.
    Deine Worte zur eigentlichen Reise sind eine Botschaft für uns,
    zu mehr Mut und vor allem Zuversicht!

  3. vielen Dank für die tolle Sicht und Neuen Einblicke in dieses Land
    es zeigt auch das es immer weiter geht und man mit kleinen einfachen Dingen auch sein Glück finden kann.
    Du hast die richtigen Worte gefunden zum Abschied aus der Gegend.
    Wir wünschen Dir alles Gute und genieße diese Vorweihnachtszeit

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