Lappland: Johanna und ihre Rentiere


„Seid nicht so laut, wenn wir jetzt zu den Rentieren gehen. Und macht keine wilden, hektischen Bewegungen. Rentiere sind halbe Wildtiere. Auch wenn sie den Umgang mit Touristen gewöhnt sind, bleiben es wilde und sehr scheue Tiere,“ sagt  Johanna. Sie ist Rentier-Züchterin. Halb Finnin, halb Samin.

© Tarja PrüssZusammen mit Janne schirrt sie die Rentiere an. Sie erklärt, wie man die Rentiere führt, wie man den Schlitten lenkt und bremst. Und schon gehts los.

Johanna rennt los, neben dem Rentier und springt dann auf den Schlitten auf  – auf den Knien hockend lenkt sie das Leittier, ein Auge immer wieder auf den „Track“ gerichtet, ob alle anderen Rentiere folgen.

Fast lautlos geht es durch den verschneiten Wald. Denn die Hufe der Rentiere sind besonders breit – das sorgt für besonders festen Stand und verhindert allzu tiefes Einsinken im Schnee.

Die zehnköpfige Reisegruppe von fintouring, die ich begleiten darf, hat das mit dem Lenken und Bremsen schnell im Griff. Die Pause auf halber Strecke nutzen sie, um von Johanna mehr zu erfahren über die Rentiere. Was sie fressen, was sie im Sommer machen, wie die freilaufenden Tiere in dem weitläufigen Areal wieder gefunden werden.

Rentiere: Nutztiere der Samen

Rentierschlitten sind neben den Hundeschlitten das traditionelle Transportmittel in Lappland. Motorschlitten haben sie mittlerweile im Alltag der Sami abgelöst, dafür sind sie zunehmend beliebte Touristenattraktion, um das Land hautnah erleben zu können.

Ausgelegt sind die Schlitten mit Rentierfellen – hier gibt es nichts Besseres, um Kälte und Feuchtigkeit abzuhalten.

© Tarja Prüss

Als Zugtiere werden momentan nur die männlichen Tiere herangezogen, denn die Weibchen sind schwanger. Neun Monate beträgt die Tragezeit. Mit fünf Jahren sind Rentiere ausgewachsen und können bereits ein Gewicht von bis zu 300 kg erreichen. Ihre Lebenserwartung beträgt etwa 12 Jahre.

© Tarja PrüssDas Geweih dient vor allem dazu, um im tiefen Schnee nach Essbarem zu graben.  Auf der Suche nach Futter legen die Rentiere in großen Herden weite Strecken zurück. Hunderte Kilometer trennen die Sommer- und Winterplätze. Damit sind Rentiere die mobilsten Landsäugetiere der Welt. Ihre Hauptnahrung besteht je nach Saison aus Blättern, Kräutern, Beeren, Pilzen und Flechten, die sie in den weiten Ebenen Lapplands im Sommer reichlich finden.

Alles vom Rentier wird verwendet: das Fleisch, die Milch, das Fell, das Geweih. Besteck, Kleidung, Accessoires und andere Alltagsgegenstände werden daraus gefertigt genauso wie Kunst und Souvenirs.

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Und dann legen die Rentiere an Tempo zu: völlig problemlos ziehen sie zwei Personen im Schlitten, und es erinnert ein bisschen an Geisterbahnfahren, wenn die Rentiere im Galopp den Schnee hochwirbeln und uns so eine Schneedusche der besonderen Art bescheren.

Rentiere sind alles

Immer wieder werden die endlos scheinenden Waldflächen unterbrochen durch Freiflächen; kleine Seen im Winterschlaf vielleicht, seit Monaten zugefroren. Schließlich halten wir an einer Kota – eine sechs- oder achteckige Holzhütte mit spitz zulaufenden Dach, ähnlich einem Zelt, mit einer offenen Feuerstelle.

„Rentiere sind alles für mich. Sie ernähren mich. Sie halten mich warm. Sie bringen mich überall hin.“  Janne, der Rentierzüchter, macht nicht viele Worte. Er sitzt am Feuer und beobachtet den Lachs, der auf Holzbrettern angebracht langsam am Feuer gart. Loistelohi = Flammlachs ist eine finnische Spezialität, bei der der Lachs einige Stunden vorher eingesalzt wird und dann auf Holzbrettern am Feuer geräuchert wird.

Wie viele Rentiere Janne besitzt, frage ich nicht. Es wäre so, als ob man jemand anders nach seinem Kontostand fragt. 4.400 Rentierzüchter mit rund 160.000 Rentieren soll es in ganz Lappland noch geben. Andere Quellen sprechen von 200.000 Tieren. © Tarja Prüss

 

„Jedes Rentier hat seine eigene Persönlichkeit, einen eigenen Kopf,“ sagt Johanna. „Aber wenn man täglich mit ihnen arbeitet, lernt man, wie sie ticken. Es ist harte Arbeit und man wird nicht reich damit. Aber es ist es wert.“ Natürlich habe sich die Bedeutung der Rentiere in Lappland im Laufe der Zeit verändert, heutzutage sind sie vor allem für den Tourismus wichtig. „85 Prozent unserer Gäste, die Rentiere sehen wollen, kommen aus dem Ausland.“

Gefahren drohen den Rentieren in Lappland neben dem Verlust ihres Lebensraums durch den Menschen vor allem durch Raubtiere wie den Wolf oder das Vielfraß.

Ich bin fasziniert von der Stille, die uns umgibt. Man hört nur das Knistern des Feuers. Und ab und zu den Wind, der durch die Bäume streift. Kein Vogel, kein Motor, kein Flugzeug, kein Straßenlärm, nichts. Nur Stille, Kälte, klare Luft.

Ab und zu unterbrochen vom Lachen der gut gelaunten Reisegruppe.

© Tarja Prüss

Den Rentieren ist derzeit fast zu warm. Wir haben so um die null Grad. Die Wohlfühltemperatur der Rentiere beginnt so bei minus 15 Grad. Nach getaner Arbeit bekommen die Rentiere ihre Lieblingsspeisen: Flechten und Moose. Und es fühlt sich an, als wären wir schon fast Freunde geworden.

„Was für eine stolze Frau,“ sagt einer der fintouring-Reiseteilnehmer, als wir in den Bus steigen und Johanna uns zum Abschied zulächelt und winkt.

© Tarja Prüss

 

Und der Oberclou: ein Rentierschlitten-Führerschein! Prüfung bestanden!

 

 

 

 

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