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Wolkenwind

Irgendwie passt das nicht in einen Satz: Sommer und 2 Grad. Dabei heisst Kesäkuu übersetzt „Sommermonat“. Dazu noch Regen und Wind. Aber nachdem das zu den wenigen Dingen gehört, die wir nicht ändern können, versuche ich mich mit dem Wettergott zu arrangieren – vielleicht sogar zu einigen. In Oulu hat es sogar geschneit. Definitely the basic Finnish summer, erklärte mir jemand schmunzelnd.


Wind zerrt die Wolken auseinander -Helsinki - Copyright: Tarja Prüss

TREPPE ZUM HIMMEL

Abends mache ich mich auf, will herausfinden, ob sich ein Sonnenuntergang gegen 23 Uhr anders anfühlt. Hab mir die höchste Erhebung Helsinkis ausgesucht: 90 Meter über dem Meeresspiegel. 426 Stufen. Malminkartanonhuippu.  

Schon auf dieser endlosen Treppe werde ich laufend überholt. Dutzende Sportler nutzen diese künstliche Erhebung zum Training. Mit Zigaretten und Bier in der Tasche komme ich mir seltsam deplatziert vor. Und wundere mich, dass so viele sich noch so spät auspowern. Aber je höher es geht, umso mehr Sportler hole ich wieder ein, die keuchend auf den Stufen sitzen und nach Atem ringen.

KALTER WOLKENWIND

Oben angekommen öffnet sich ein ununterbrochenes 360 Grad Panorama – und ein endloser Himmel. Der starke Wind bläst die Wolken auseinander. Immer neue Formen entstehen, um gleich wieder zu verschwimmen. Der Wind zerrt und zurrt an den weißen Formationen, reisst sie auseinander, schiebt und ordnet, verwischt und verweht.

 

Wie mit einem Pinsel malt und übermalt er, zieht Striche und Linien, punktiert und setzt Akzente.


Wind zerrt die Wolken auseinander -Helsinki - Copyright: Tarja Prüss

Er zerrt auch an mir. An den Haaren, den Händen, der Jacke. Und er lässt alles sommerlich-laue-warme vermissen. Es ist vielmehr, als hätte er aus den tiefsten Tiefen der Ostsee tropfenweise die Kälte aufgesaugt, um sie hier wieder abzugeben. Oder kommt er aus Lappland und bringt von dort die letzten spürbaren Reste des langen Winters mit?

 

Unablässig streicht er übers Gesicht und wischt die letzten Gedanken aus der Stirn fort. Angenehme Leere breitet sich aus. Der einzige Gesang hier oben ist das Rauschen des Windes, übertönt sogar die inneren Geräusche.

WIND UND ABENDRÖTE

Später sitze ich hier oben ganz allein. Die Sportler sind vermutlich heim und schon unter der Dusche. Selbst der Mann, der hier einige Zeit saß und weise genug war, eine Mütze aufzusetzen, ist gegangen. Die Sonne ist längst hinter den Wolken verschwunden. Zaghaft zeigt sich Abendrot. Und ich frage mich: heißt Abendrot nach Mitternacht eigentlich auch noch Abendrot?

Mit klammen Fingern und ziemlich durchgefroren, dafür mit einem ungeöffneten Bier in der Tasche und schönen Bildern im Kopf mache ich mich auf den Heimweg. Die Lupinen wiegen sich im Wind.

Copyright: Tarja Prüss


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