Sommergardinen und Handschuhe

Oulu im Sommer: Denkmal am Rathaus (Foto: Tarja Prüss)

„Im Laufe der Zeit“ von Sanna Koivisto

Da kommen mir zwei kleine Mädchen entgegen, schlecken synchron Softeis aus ihren Tüten, laufen synchron, die eine mit einer rosa Steppjacke, die andere himmelblau. Dazu Mütze, Handschuhe und Gummistiefel.
Und sie sind nicht die einzigen: viele Fahrradfahrer tragen ebenso Handschuhe und Mütze, auch die Spaziergänger mit ihren Hunden. 
Sommerfeeling in Oulu

Vor den Fenstern hängen jetzt die Sommergardinen. Vor den Häusern üppig blühender und intensiv duftender Flieder. Das Thermometer zeigt 11 Grad, ungewöhnlich kühl für diese Jahreszeit, meint selbst der Gemüseverkäufer auf dem Markt. Letztes Jahr um diese Zeit hätten sie 33 Grad gehabt, erzählt er. Das müsse der Klimawandel sein. 

Summerfeeling?

Oulu im Sommer: am Markt (Foto: Tarja Prüss)

Zusammen mit dem starken Wind fühlt es sich an wie knapp über null. Und so sind die gefühlten ersten Eindrücke nicht viel anders als vor einem halben Jahr, nur dass es den Markt am Hafen im Winter nicht gibt.
Trotzdem sitzen etliche Menschen in den improvisierten Cafés am Markt und trotzdem gibt es alle paar Meter einen Eisstand. Sagte ich schon, dass die Finnen auch Europameister sind im Eisverbrauch?

Oulu im Sommer: am Markt (Foto: Tarja Prüss) Ab und zu reißt der Wind die Wolken auseinander und lässt die Sonne ihren Job machen, und ich genieße die Stimmung am Hafen. Mit den hungrigen Möwen, die über den Ständen kreisen in der Hoffnung, jemandem das Essen aus der Hand oder vom Teller stibizen zu können – die lässige Entspanntheit, die hier herrscht und fast zu greifen ist – und der Akkordeonspieler, der melancholische finnische Lieder spielt und auf ein paar Cent hofft, während nebenan Erdbeeren für 8,40 pro Liter angepriesen werden – selbstverständlich heimische – und das Angebot der Souvenirstände geradezu überquillt, denn Touristen sind zumindest heute Mangelware. Ob es am Wetter liegt? 

So schmeckt der Sommer

Stolzer Preis für Erdbeeren, aber der Geschmack entschädigt voll und ganz. 
Ich gönne mir mein Standardmenü, Kahvi ja Pulla, und sauge einfach die Stimmung in mich auf.  Bevor mich der Akkordeonspieler zu traurig macht, flüchte ich in die Markthalle. Die Auslagen erinnern in der Üppigkeit an spanische Markthallen, nur die Preise sind ein wenig anders. Ein Liter frische heimische Erbsen mit Schale kosten vier Euro. Als ich das erste mal reinbeiße, weiß ich, was meine Mama meinte, wenn sie sagte, so schmeckt der Sommer.

Oulu im Sommer: Fotoausstellung (Foto: Tarja Prüss)

Kulttuuritalo Valve

Im Kulturzentrum Valve schaue ich eine Fotoausstellung an, schlendere durch die Fußgängerzone und lande schließlich im Dom. Erinnerungen übermannen mich, obwohl ich hier noch nie wissentlich war.

Coffee Underground

Oulu im Sommer: Regenguss  (copyright: Tarja Prüss)Ein heftiger Regenguss hindert mich, die Kirche zu verlassen und so entdecke ich eine seltsame Form der christlichen Glaubenspraxis. 

Die Kathedrale verfügt wie viele andere auch über eine Krypta. Nichts besonderes an sich. Steigt man hier die Treppen hinunter, in Erwartung auf alte Kreuze, Särge und Grabsteine, erblickt man als erstes eine professionell eingerichtete Theke mit allem Pipapo der modernen Gastronomie. Daran schließt sich ein Café an, dass Gemeindesaalromantik versprüht. 
Und gleichzeitig werden auch noch Handarbeiten feil geboten. Und das alles unter der Kirche. Café-Krypta! 

Foto

Café Krypta

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2 Kommentare zu Sommergardinen und Handschuhe

  1. volker sagt:

    Die Preise schockieren schon!
    Ist die Ursache dafür in der finnischen Wirtschaft zu suchen, die wegen der Sanktionen gegen Russland schwächelt???
    Denn kaum ein anderer Staat in der Europäischen Union ist so eng mit Russland verbunden wie Finnland. Russland ist der wichtigste Handelspartner.

    Ist Finnland Opfer von Hirnmaulwürfen aus Brüssel und Washington, die nicht nur den Ukraine-Konflikt provoziert haben sondern auch die NATO-Osterweiterung vorantreiben?

    Meine Solidarität gilt sowohl der finnischen Bevölkerung als auch deren Regierung.
    Finnland hat in den letzten 70 Jahren bewiesen, dass kluge Diplomatie und Neutralität zielführender sind als ein Bündnis, welches allmählich zum Sicherheitsrisiko wird!
    Finnland hat auch als Vorbild in Bildung – und Sozialpolitik Europa mehr gegeben als es zurückbekommen hat!

  2. Jaana sagt:

    oh ja – da waren wir auch im Juni im Krypta-Kahvia – und im DOM – der ist echt herausragend und zollt Respekt im Gebäudeinneren mit drei Statuen berühmter Reformatoren: Mikael Agricola, Martin Luther und Philipp Melanchthon …

    Luther und Melanchton sind vielleicht ein Begriff – über Agricola, einem finnischen Bauernsohn, der in Wittenberge studierte und als der Vater der finnischen Literatursprache gilt – erfahrt ihr auf wikipedia mehr: http://de.wikipedia.org/wiki/Mikael_Agricola

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