Hän Kampagne Finnland ©Finland.fi

Finnland schenkt der Welt ein Wort: hän

„Hän“ bedeutet im Finnischen „er“ oder „sie“. Die Finnen unterscheiden in der Sprache nicht zwischen den Geschlechtern. Das finnische Personalpronomen „hän“ ist somit das beste Symbol für finnische Gleichheit. Finnland möchte dem Rest der Welt ein Wort anbieten, das zu internationalen Diskussionen über Gleichheit und Inklusion anregen soll und all diejenigen unterstützt, die sich für diese Ziele einsetzen: hän.

Finnland hat eine mehrsprachige Kampagne für Gleichstellung auf den Weg gebracht. Damit will die Regierung anderen Sprachen für ihre Lehnwörter danken und gleichzeitig über Gleichstellung informieren.

Hän Kampagne

Ich habe mich mit der Pressereferentin der Finnischen Botschaft in Berlin Maija Yrjä über die HÄN-KAMPAGNE unterhalten:

Tarja: Für viele Deutsche ist es schwierig, sich vorzustellen, wie die Verständigung mit hän funktioniert. Führt es nicht oft zu Missverständnissen?
 
Maija Yrjä: Die Verständigung mit „Hän“ auf Finnisch funktioniert tatsächlich sehr gut und unproblematisch, weil das Wort „hän“ schon sehr alt ist: Schon im Jahr 1543 ist das Wort „hän“ im finnischen ABC-Buch zum ersten Mal erschienen, bzw. im allerersten gedruckten finnischsprachigen Buch. Das Wort wurde also schon seit Jahrhunderten benutzt, und ist zum Teil des Alltags geworden. Obwohl auch die finnische Sprache in vielen Bereichen  geschlechtsspezifisch ist, bei „hän“ ist es nicht. Man muss aber auch daran denken, dass die Kraft eines inklusiven Pronomens nicht trivialisiert wird. Inklusivität der Sprache ist sehr einfach auch Finnisch, kann aber viel schwieriger auf anderen Sprachen sein. Finnisch ist bei genderneutralen Sprache natürlich keine Ausnahme, in vielen anderen Sprachen gibt es auch solche genderneutrale Pronomen.
Maija Yrjä: Die Idee der Hän Kampagne ist zur Diskussion über Chancengleichheit in jeweiligen Ländern anzuregen, Arbeit im Bereich Inklusion und Gleichstellung in jeweiligen Ländern zu fördern und auch daran zu erinnern, dass Sprachen im ständigen Austausch stehen. „Hän“ wird in dieser Kampagne vor allem als ein Symbol der Gleichstellung verstanden – und auch als ein Tool, womit man die Geschichte der Gleichstellung in Finnland besser erzählen kann. In diesem Sinne kann die Kampagne über „Hän“ kann auch Denken beeinflussen, indem man mehr an Chancengleichheit und gleiche Chancen denkt. „Hän“ ist ein gutes Beispiel von Gleichstellung in der Sprache, aber auch im sozialen Bereich – bedeutet aber nicht, dass die finnische Sprache oder die finnische Gesellschaft automatisch perfekt wären. In dieser Kampagne ist „Hän“ vor allem ein Symbol der Chancengleichheit.
Tarja: Im Deutschen gibt es die Diskussion um neutrale Begriffe: z.B. Studierende (statt Studentinnen und Studenten) – gibt es solche Diskussionen auch in Finnland – z.B. was Berufe angeht?
Maija Yrjä: Ja, es gibt tatsächlich ähnliche Diskussionen. Zum Bespiel sind viele Berufsgruppen auf Finnisch geschlechtsspezifisch: In 1990 wurde ein Buch des Statischen Amts in Finnlands veröffentlicht, wo es festgestellt wurde, dass sogar 400 von den Berufstiteln mit „mann“ („mies“ auf Finnisch) endeten, z.B. „Feuerwehrmann“, (palomies auf Finnisch). Darüber gab es viele Diskussionen. Gutes Beispiel kommt von der  finnischen Zeitung Aamulehti, die im Jahr 2017 entschieden hat geschlechtsspezifische Berufstiteln in der Berichterstattung der Zeitung völlig abzuschaffen.
Hän Postkarten Kampagne Finnland ©Finland.fi
Hän Postkarten Kampagne Finnland ©Finland.fi

Tarja: Was trägt neben der Sprache zur Gleichberechtigung bei?

Maija Yrjä: Vieles trägt dazu bei: Ein gutfunktionierendes Sozialsystem, gleichberechtigtes Ausbildungssystem, Geschlechtergerechtigkeit und Elternzeit. In diesem Video kann man gut sehen, wie Gleichstellung in der Hän Kampagne gesehen wird. Eine aktuelle Studie von OECD (2018) hat ermittelt, dass finnische Väter sogar mehr Zeit mit ihren Kindern im Schulalter verbringen als die Mütter. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die finnische Gesellschaft automatisch perfekt wäre: Es gibt auch Diskrimination auf Grund des Geschlechts, der Ethnizität und Behinderungen. Trotz der Entwicklung sollten diese Faktoren auch beachtet und ständig verbessert werden.


Worte sind mächtig

Mit Sprache gestalten wir unsere Welt. Worte sind mächtig. Manche Sprachwissenschaftler vertreten sogar die These, dass unsere Muttersprache unsere Art zu denken beeinflusst. Hirnforscher finden immer mehr Hinweise darauf, dass Worte nicht nur unser Denken und Handeln prägen, sondern dass wir uns schon mit unserer Muttersprache bestimmte Denkmuster aneignen, die unser Leben auf überraschende Weise beeinflussen. Die Muttersprache ist demnach wie ein Objektiv, durch das wir die Welt betrachten.

Und wenn dieses Objektiv nicht zwischen „er“ und „sie“ unterscheidet, dann wird die finnische Hän-Denkweise plötzlich klar. Gesehen werden dann vordergründig und hauptsächlich nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten. Das Menschsein.

Noch wird heftig über solche Thesen gestritten, zugleich gibt es immer mehr Belege und Experimente, die diese Sichtweise stärken. Das zeigt sich etwa an unterschiedlicher räumlicher oder auch zeitlicher Wahrnehmung aufgrund unterschiedlicher Sprachen.

Wer eine neue Sprache erlernt, erwirbt also zu einem gewissen Grad auch eine neue Denkweise und einen neuen Blick auf die Welt. Wachsen Menschen zweisprachig auf, schlägt sich das offenbar auch in ihrer Wahrnehmung nieder. „Beide Sprachen sind in ihrem Geist aktiv, wenn sie durch die Gegend gehen und über die Welt nachdenken“, sagt Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky. Das eröffne zudem die Chance zu erkennen, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir immer glaubten.


3 Kommentare zu „Finnland schenkt der Welt ein Wort: hän“

  1. Hallo Tarja,

    das ist ja mal eine coole Aktion!!!
    Überlege gerade, welches deutsche Wort man verschenken könnte… 😀
    Schöne Grüße aus Bonn, Tatjana

    1. Hallo Tatjana,
      ja, wir könnten einen Aufruf starten: Welches deutsche Wort wäre geeignet, um es der Welt zu schenken???

      😀 Grüße und schönen Tag, Tarja

  2. Pingback: NordNerds Montatsrückblick September 2019 » Finnweh! Ein Finnland-Blog

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