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Eine Nacht auf einer einsamen Insel

Eine Nacht im Freien – auf einer einsamen Insel – einer unbewohnten. Auf der es kein Haus, Keine Sauna, keine Elektrizität – nur eine Kota gibt und eine Feuerstelle. Nicht mal einen Ankerplatz für unsere Kanus.

Doch von Anfang an: Der Wind ist mächtig. Im Rücken wäre er ein guter Freund, aber er hat sich heute anders entschieden und bläst uns ins Gesicht und zwar so gewaltig, dass Tine und ich kaum vom Fleck kommen. Er krallt sich regelrecht in das Kanu und schiebt es zurück. Bestenfalls zur Seite. Und wir rudern uns die Arme lahm. Aufhören ist keine Option. Es würde uns sonst wo hinwehen, wir würden komplett abtreiben. Wir müssen da rüber. Irgendwo vor uns soll diese Insel sein. Der Muskelkater ist uns gewiss.

Nach gefühlten Stunden kommen wir endlich ans Ufer. Das Schilf ist im Gegensatz zum Wind für uns jetzt ein Klacks. Wir schleppen alles, was wir für die nächsten 24 Stunden brauchen, vom Ufer zur Kota. Sie liegt ungefähr auf dem höchsten Punkt der Insel. Des Inselchens.

Mit dem Ruderboot zur Insel Honkinen Finnland ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Der Ausblick

Honkinen Saari - Insel Honkinen

Greg macht erst einmal Feuer. Er ist unser Guide. Ein Australier, Ende Vierzig, schon viele Jahre fernab der Heimat – am anderen Ende der Welt: in Vuokatti. Die Natur hat sich sichtlich in sein Gesicht eingegraben: Lachfalten um die Augen, wettererprobte Haut, Hände, die zupacken können. Überstrahlt von lachenden, blauen Augen und einer ansteckenden guten Laune. Zwischendurch setzt leichter Regen ein. Kaffee und Würstchen. Das tut gut nach der Kanutour.

Unsere Gespräche plätschern genauso leicht dahin wie die kleinen Wellen leise ans Ufer schlagen. Ganz unmerklich wandern unsere Worte vom Belanglosen zum Bedeutungsvollen. Was das Leben ausmacht. Was glücklich macht. Was wir suchen und hoffen zu finden.


Ja, auch Beeren. Wir gehen mit Greg sammeln. Querfeldein durch den Wald, die Augen nach unten auf Blau und Rot eingestellt. Der Boden fühlt sich weich an, als hätte Frau Holle hier alle Federn aus den Kissen der Welt auf den Boden geschüttelt.  Doch Blaubeeren gibt es nur wenige, dafür leckere Preiselbeeren. Das wird unser Nachtisch.

Die Insel Honkinen liegt im Jormasjärvi südlich von Vuokatti, irgendwo am Ende der endlosen Seenplatte.

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Stille - Stille - andere Stille

Tine und Greg sind fischen gegangen. Ich sitze auf den Steinen am Ufer und blicke aufs Wasser, in dem sich die Wolken spiegeln, so glatt liegt der See da. Ich kann mich nicht satt sehen am Wunder der Natur.

Das Wasser schillert in allen Farben – von hellblau, über sämtliche Grün- und Grautöne bis hin zu weiß.

Ich höre meinen Stift über das Papier wandern und meinen Atem. Und dazwischen ab und zu einen Vogel.

Blick von der Insel Honkinen, Region Vuokatti, Finnland -Zeichnung mit Filzstift ©Tarja Prüss

Stille fühlt sich hier anders an. Stille bedeutet hier die Abwesenheit von menschlichem Lärm, die Abwesenheit von allem Menschlichen. Keine Motoren, keine Schritte, kein Fluglärm, keine Musik und kein Laut. Wir sind weit weg von jeglicher Zivilisation. Fast könnte man den Eindruck haben, die Ohren nehmen es äußerst wohlwollend hin. Als könnten auch Ohren entspannen.

Dafür viele andere Laute: Vogelgezwitscher – Wellen, die ans Ufer schlagen – Wind. Regentropfen, die auf Blättern zerplatzen – rauschende Kiefern – raschelnde Birkenblätter.

Zwischendurch zwängt sich die Sonne durch die locker zusammenstehenden Bäume und zaubert Lichtspiele auf den dicht bewachsenen Waldboden.

Konzentrierte Aufmerksamkeit auf alles um mich herum, die aber nicht anstrengt. Im Gegenteil: entspannt. Von den stressmindernden und heilenden Wirkungen des Waldes weiß man hier schon lange.

In der Ferne rauschen die Birken und künden vom Abend, vom Herbst, von der Nacht.

Stille auf der Insel Honkinen, Region Vuokatti - Finnland ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Finnish Wombat Stew

Greg hat vorgesorgt. In seinem Motorboot hat er alle wichtigen Zutaten, die nicht auf der Insel wachsen, mitgebracht. Der Kessel hängt über dem Feuer und wir schneiden Knoblauch, Zwiebeln, Spitzkohl, Rentierfleisch, Rindfleisch, Tomaten, Kartoffeln, Blumenkohl und Süßkartoffeln.

Es gibt einen finnischen Wombat-Eintopf, meint Greg lachend. Wombats sind diese kleinen Beuteltierchen in Australien. Übrigens die einzigen Tiere weltweit, deren Kot würfelförmig ist. Vielleicht rührt der Name unseres Abendessens daher: Mit dem Puukko schneidet Greg Gemüse und Fleisch in ungefähr gleich große, grobe Würfel.

Nach und nach wandert alles zusammen in den großen Topf und gart vor sich hin. Das Feuer wärmt uns. Greg rührt mit einem langen Messer immer wieder um und erzählt von seinen Erlebnissen in der Natur. Er liebt das einfache Leben. Als Wildnis-Guide hat er schon viele Nächte hier verbracht. Aber für uns ist es die erste.

Und wir sind gespannt auf die Nacht.

Stille Sonnenuntergang auf der Insel Honkinen, Region Vuokatti - Finnland ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnlandder Insel Honkinen, Region Vuokatti - Finnland ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Tine und Greg beim Fischen

Einsame Insel - oder doch nicht?

Von wegen einsame Insel – Millionen leben hier. Nur eben keine Menschen. Ein gut 1,20 Meter hoher Ameisenhaufen beherbergt vermutlich so viele Ameisen wie Kairo Einwohner hat. Ach ja, und Mücken gibt es auch. Aber solange man am Feuer bleibt, hat man Ruhe vor ihnen. Sie mögen den Rauch nicht.

Und falls ihr euch schon mal gefragt habt, wie Ameisenpippi schmeckt: Tine und ich haben es ausprobiert: unsere Erfahrungen kannst du hier hautnah nachlesen!

Vieltönige Nacht

Am Abend setzt wieder leichter Regen ein. Gut, dass unsere Schlafsäcke im Trockenen sind. Tine hat ein paar Weißfische gefangen. Zusammen mit Greg nimmt sie die Fische am Ufer aus und das Fischerglück ist überdeutlich in ihren Augen zu sehen.

Noch lange sitzen wir am Feuer und reden. Entsprechend kurz wird die Nacht. Eine Nacht, die voller Geräusche ist. Voller ungewohnter Geräusche. Man hört den See, die Bäume, den Wind. Es raschelt und rauscht, knackt und knistert. Und ich bin so voller neuer Eindrücke, dass ich kaum in den Schlaf finde.

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Waschen im See

Am Morgen weckt uns der Regen, der auf die Kota trommelt. Es wird ein kurzes Frühstück am Feuer. Doch bis zu unserer Abreise schickt der Himmel die Wolken fort und die Sonne kommt heraus. Das Handtuch über einen Stein geworfen, bis zu den Knien im See stehend. Und dann Waschen. Das macht munter.

Ohne Gegenwind, dafür mit viel Gelächter und Freude rudern Tine und ich später gemeinsam und völlig entspannt zurück. Ja, so freundlich kann ein finnischer See auch sein.

Wäre es wärmer, wir wären vermutlich reingesprungen.

Das kleine Inselchen Honkinen lassen wir zurück. Mit dem beruhigenden Gefühl, für eine kurze Zeit im Paradies gewesen zu sein. Ein Paradies, dessen Gäste wir sein durften. Ein kleines Eiland heile Natur, das uns nicht vermissen wird. Und das ist gut so.

Stille auf der Insel Honkinen, Region Vuokatti - Finnland ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Mit herzlichem Dank an unseren super freundichen und hilfsbereiten Guide Greg Evans und  Visit Vuokatti, die die Reise ermöglicht haben.

Greg und weitere Abenteuer kannst du bei Vuokatti Safaris finden und buchen.

Wer noch nach einem Hoteltipp sucht, gut übernachten kann man in Vuokatti im Vuokatinmaa 4 seasons. Natürlich mit Sauna und nur wenige Meter zum See.

Wer mehr über Abenteuer in Vuokatti  wissen will, dem sei unser Reisetagebuch empfohlen: Tine & Tarja on Tour!


9 Kommentare zu „Eine Nacht auf einer einsamen Insel“

  1. Liebe Tarja, du schreibst so schön. Da habe ich fast das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Vielen Dank, dass du das mit uns teilst.
    Viele liebe Grüße, Nina

  2. Liebe Tarja,
    da geht mir das herz auf. das möchte ich auch mal erleben.
    Vielen vielen Dank!
    Astrid Renner

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