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Gemeinsinn oder das beste Café in Lehmäjoki

Das ist das Café in Lehmäjoki. Das einzige. Sieht eher nach Tankstelle aus? Ja, ist es auch. Und Autowerkstatt. Also ein Werkstatt-Tankstellen-CaféUnd Nachrichtenzentrale, Treffpunkt, Aufwärmmöglichkeit, Koffein-und Zuckerpegel-Nachschub-Ort, zweites Wohnzimmer für manche. Ein Muss für Liebhaber alles Schrägen. 

 

Café-Werkstatt-Tankstelle in Lehmäjoki
Café-Werkstatt-Tankstelle in Lehmäjoki

Chef dieser omnifunktionalen Örtlichkeit ist Aaro.
Aaro kann – glaube ich – keinem böse sein.
Das Foto ist ihm eigentlich nicht so recht, entschuldigend und fast ein bisschen verschämt fährt er sich über die Haare – er habe doch erst morgen seinen Friseurtermin.
 
Aaro, der Chef der Werkstatt
Aaro, der Chef der Werkstatt
 
Aaro führt diesen Laden mit großer Gelassenheit. 
Wenn der Kaffee alle ist, dann ist er alle. Für zwei neue Gäste kocht er um fünf keinen neuen mehr. Ohne Erklärung. Ohne Entschuldigung. Warum auch. 
Süßigkeiten stehen hier in braver Eintracht zwischen Motoröl, Batterien und Werkzeug. Die Übergänge sind fließend. 
 
Einblicke ins Café von Lehmäjoki
 
Man trifft immer jemand bei Aaro. Jeder kennt jeden. Kein Wunder bei rund 250 Einwohnern. Tagesthemen wechseln. Wann wohl der Schnee kommt ist genauso Thema wie wer sich an welche Tangosänger aus den 60-er Jahren erinnert.
Aaro beschäftigt heute vor allem die Frage, warum die Schneestangen an einem Teil der Straße noch nicht stehen. „Die“ werden ja wohl nicht im Sinn haben, einen Teil der Straßen diesen Winter nicht räumen zu wollen?
Es ist wie in einem Aki-Kaurismäki-Film.
Schräg.
 
Aaro kann man nicht nichtmögen. Er lebt allein, seit seine Frau vor vielen Jahren beim Preiselbeerpflücken im Wald einfach tot umgefallen ist. Seine 92-jährige Mutter, die ab und zu den Laden putzt, und er wohnen gleich nebenan.
Aaro hat große grobe Hände mit schwarzen Rändern an den Nägeln. Schmiere und Öl aus vielen Jahren haben sich hier abgesetzt. Das hält ihn nicht davon ab, mir mit seinen geschrundenen Händen erst Kaffee einzuschenken und dann anhand von Skizzen zu erklären, wie die Motorheizung funktioniert und wo und wie sie eingebaut wird.
 
Weil Aaro Ulla, mit der ich da bin und bei der ich im Mökki wohnen darf, seit vielen Jahren kennt, bekomme ich einen außerordentlich guten Preis. So gut, wie ich vermutlich nirgends sonst in Finnland bekommen würde.
 
Einblicke ins Café von Lehmäjoki (c) Tarja Prüss

Eine Frau, die Winterreifen aufziehen lässt, meint, Gummistiefel seien mittlerweile zu kalt. Aber wegen des Regens und der durchweichten Straßen dennoch beste Wahl. 
Sie hat vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungs. Nur der jüngste sei noch zu Hause und werde den Hof übernehmen. Kaum jemand will heute noch in die Landwirtschaft. Zu harte Arbeit, wenig Ertrag, nichts um reich zu werden. Dabei war hier die Kornkammer Finnlands.
 
Einblicke ins Café von Lehmäjoki (c) Tarja Prüss
 
Die Augen der Frau wandern über die Verkaufsregale. Aaro habe wohl noch nicht gemerkt, dass es keine Schule mehr im Dorf gebe. Er bestelle immer noch sooo viele Süßigkeiten.
Die jetzt keiner mehr kauft. Die Schule gibts es seit Jahren nicht mehr. 
Alle lachen.
Lachen, weil sie Aaro und seine Art mögen. Gemeinsinn hat hier noch eine Bedeutung.
 
 
Als ich das Auto wenige Tage später abhole, holt Aaro eine nicht mehr ganz taufrische Unterschriftenliste. Die Menschen aus Lehmäjoki haben Geld gesammelt, um die Straße nach Untermala wieder auf Vordermann zu bringen. 
Schließlich steht an dieser Straße die einzige Touristenattraktion. Ein Stein, der an den Bau der Straße erinnert.
 
Gemeinsinn in Lehmäjoki: Unterschriftenliste
 
 
1868 wurde die Verbindung gebaut, mit Genehmigung und Unterstützung des Zaren. Auch mit Hilfe von Frauen und Kindern. Zu dieser Zeit herrschte bittere Hungersnot im Land. Viele starben. Wer mithalf, bekam was zu essen, manche auch ein bisschen Mehl. 
Verschärft wurde die Situation noch dadurch, dass ein lange ersehntes Schiff mit Korn kurz vor Vaasa im Sturm gesunken war. 
 
Unterschriftenliste
Über 800 Euro kommen fast 150 Jahre später für die Verschönerung der Straßenverbindung von Lehmäjoki nach Untermala zusammen. Doch die Straßenbaugesellschaft verbietet jegliche Arbeiten. Das sei eine staatliche Straße, da habe der Staat die Hoheit für jegliche Arbeiten. Privatpersonen sei es untersagt, etwas in Angriff nehmen. Brav gehorchen die engagierten Dorfbewohner. Zunächst.
 
Seitdem verwahrt Aaro das Geld. Einige Jahre später haben sie dann doch das ein oder andere Loch gestopft. Ohne zu fragen. Einfach gemacht. Aus und mit Gemeinsinn.
Aaro schmunzelt, zeigt auf die handgeschriebene Zahl: 688 Euro sind immer noch da. 
Vielleicht sollte man mal ein Sommerfest damit machen. 
 
Cafe in Lehmäjoki ist auch Treffpunkt und Nachrichtenzentrale
Cafe in Lehmäjoki ist auch Treffpunkt und Nachrichtenzentrale

Die Tür geht auf, ein neuer alter Kunde. Man erzähle sich im Dorf, bei Aaro stehe ein deutsches Auto in der Werkstatt. Und da wollte er mal nachsehen, wer das ist. Ulla kennt ihn natürlich. Wiedersehensfreude. Man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand der privaten Entwicklungen.

  
Straße, die Lehmäjoki und Untermala verbindet.
 
Und das ist die Straße, die Lehmäjoki und Untermala verbindet.
Unbefestigt und durch Lehm und Regen glatt wie Seife.
Aber kaum Schlaglöcher.
Gut zu befahren. 
Inschrift
 

Und das ist der Stein. Die Schrift schon ein bisschen verblasst:

„Mit Kronenbesitztum gemachter Weg, während Alexander II. und Hunger und Sterben im Lande regierten. 1868.“     

Mit ähnlichem Gemeinsinn wurde übrigens auch das Dorfgemeinschaftshaus wieder instandgesetzt und mit Leben erfüllt. Ohne irgendeine Behörde zu fragen vermutlich.


8 Kommentare zu „Gemeinsinn oder das beste Café in Lehmäjoki“

  1. Heute morgen beim Frühstück …
    ich lese Marcel deinen super geschrieben Bericht vor, zeige ihm die Bilder dazu …
    kurzes grübeln bei ihm …
    „Das hört sich an wie in einem Film ! Ist nicht so wie hier, sieht alles so gemütlich aus, da will ich auch mal hin …“
    Daran kann man erkennen, dass Du alles richtig machst !
    Mit dieser langen Reise – dieses schöne Land kennen zulernen
    also genieße es weiterhin … wir freuen uns jeden Tag mit Dir …

    1. Kindermund tut Wahrheit kund – der Bagger war vermutlich auch eine gute Einleitung!

      herzliche Grüße an alle namens Prüss die hier mitlesen und sich freuen!

  2. Ein feines Stück – Danke!
    Und komischerweisehab ich beim Lesen den Eindruck, eine Radio-Reprtage zu hören – ikl. Atmo und OTs und allem. 🙂 🙂

    1. Atmo – ja das kann sie die Tarja – das
      Wesentliche sinnlich auf den Punkt bringen mit Gefühl und den Wunsch auf mehr …

  3. nach der Zeremonie hier die mathematischen Aufgaben zu lösen, die meiner Mama ein Lächeln und meiner Tochter eine Herausforderung wären – erlaube ich mir doch noch mal meiner großartigen Schwester ein paar zeilen der Würdigung und Annerkennung zu fliessen zu lassen:

    ja , so wie Du Aaro beschreibst riecht man förmlich den Werkstattduft in seinem wärmenden Fliess- und traditionell Autoschrauber blauen Kleidung, die sanfte Behäbigkeit eines wohlwollenden Allwissens… was sollte im Shop neben Süssigkeiten angeboten werden, wenn auch sich Große mal errinnernd entzücken an den Gaumenfreuden vergangener Tage, sich belohnend versonnen Lakritze oder Gummibärchen nostagisch naschend… JA! – nascht doch noch mehr am und vom Leben, solange es noch pocht.

    Liebe Tarja, es ist immer so schön Deinen Worten zu lauschen- lautmalerisch den Farben, Formen und Ausformungen mit allen Fasern zu folgen – DU HAST DAS TALEnt, die Nuanchen zu transportieren – meinen großen Dank dafür- machst sichtbar was schön, seltsam und verborgen aber wesentlich und bedeutsam ist im MOMENT und der WELT. Kiitos TARJA ….

  4. Pingback: Freundschaft Feiertag

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