Experiment: größte Eisbrücke der Welt - Ort: Juukka ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Die größte Eisbrücke der Welt

Sie bauen eine Brücke. Eine aus Eis. 65 Meter lang mit einer freien Spannweite von 35 Metern. Und nicht irgendeine. Sondern nach 500 Jahre alten Plänen von Leonardo da Vinci. Eine Brücke, die der berühmte Künstler im Auftrag des Sultan über den Bosporus bauen sollte. Doch niemand konnte sich das damals vorstellen. Die Brücke wurde nie realisiert. Bis Studenten der Universität Eindhoven zusammen mit ihrem Professor diesen kühnen Plan fassten. Und welches Land eignet sich besser dafür als Finnland? 

Ein Land mit sechs Monaten Winter

Ein Land, in dem es im besten Fall sechs Monate lang Winter ist. In dem das Thermometer wochenlang nicht über null Grad klettert. Monatelang geschlossene Schneedecke und der Frost unerbittlich.

Mensch im Korb an Kran. Experiment: größte Eisbrücke der Welt - Ort: Juukka ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Die Wahl auf Juuka in Nordkarelien, eine Autostunde von Joensuu entfernt, fiel dann mehr oder minder zufällig. Ein Niederländer, der dort ein Sommerhaus hat, brachte die Architekturverrückten auf die Idee. Doch so einfach ist es nicht. Es braucht Sponsoren für ein solch engagiertes Projekt und eine Menge Unterstützung, Mut und Geduld.

Freundlicher Empfang in Juuka

Als ich im 5.000 Einwohner Ort Juuka ankomme, werde ich freundlich von Jouni empfangen. Schon auf der Fahrt zu meiner Unterkunft über Schnee- und Eisfahrbahnen bekommt Jouni leuchtende Augen, wenn er von der Jääsilta – der Eisbrücke – spricht. Er ist bereits pensioniert und engagiert sich als Volunteer, also als Freiwilliger, an dem Projekt. Zum anderen sei er dort ja auch fast zuhause, schließlich habe er 30 Jahre lang in der Firma gearbeitet, die jetzt Logistik, Räumlichkeiten, Material und den Platz zu Verfügung stellt, damit die Eisbrücke gebaut werden kann. Es ist eine bekannte Ofenfirma, die Öfen aus Stein herstellt und dort schon seit vielen Jahren ansässig ist.

Bridges in Ice - Juuka Finland - 2016 © Tarja Prüss
Arbeiten mit schwerem Gerät und unter schwierigen Bedingungen

So dürfen die ‚Locals‘, die Einheimischen, auch eigene Projekte auf dem großen Gelände konstruieren und errichten. Im Gegenzug helfen sie den Studenten. Sie wissen, was man wo organisieren kann und jeder kennt jeden im Ort.
Da ist es kein Thema, mal eben schnell einen Kran oder einen Bagger zu organisieren. Außerdem kennen sie sich weit besser mit dem finnischen Winter und seinen Eigenarten aus.

Zwischenzeitlich haben die Locals eine 300 Meter lange Eismauer um das Gelände gebaut, die einen schönen Rahmen bildet und für die einfach mal eine Woche lang eine Schneekanone Tag und Nacht lief.

Neben der Eisbrücke entstehen Iglus, eine Aussichtsplattform, eine Schneebar, ein Candela Pavillon und ein Schnee-Park, den belgische Studenten entwickeln. Im Vorfeld bereits haben die Studenten einen gefrorenen Wasserfall erschaffen, der nun das Abbruchgebiet der ansässigen Tulikivi Steinofen-Firma schmückt.

Große Eisblöcke ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Eisblöcke, die aus dem See heraus geschnitten wurden

Einheimische machen tatkräftig mit

Die Eisbrücke ist das dritte große Projekt, das die Universität Eindhoven in Juuka realisiert. Im ersten Jahr erschufen sie einen Dom, im zweiten haben sie die berühmte  Sagrada Familia, Gaudis Kathedrale in Barcelona, nachempfunden.

Der Kran mit einem Personenkorb schraubt sich gerade an der Eisbrücke vorbei nach oben. Im Korb steht dick eingepackt einer der Studenten, der aus der Luft mit einer Art Gebläse den Schnee von der Oberfläche pustet. Denn in der Nacht hat es kräftig geschneit.

Arktische Herausforderungen

Der Kran mit einem Personenkorb schraubt sich gerade an der Eisbrücke vorbei nach oben. Im Korb steht dick eingepackt einer der Studenten, der aus der Luft mit einer Art Gebläse den Schnee von der Oberfläche pustet. Denn in der Nacht hat es kräftig geschneit.

Eisbrücke: Stan van Breemen (copyright: Tarja Prüss)
Stan van Breemen kontrolliert die Eisproduktion

Die jungen Leute arbeiten rund um die Uhr in drei-Stunden-Schichten. Selbst bei knapp minus 40 Grad. „Selbst wir vom Media-Team haben in dieser Zeit mitgearbeitet, sonst wäre hier alles eingefroren,“ erklärt mir Stan van Breemen. Er gehört zum achtköpfigen Medien-Team aus den Niederlanden, das das Projekt begleitet. Jede Woche produzieren sie Fotos und Videos vom Fortschritt der Eisbrücke.

Und in der Tat war bei den arktischen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad und mehr die Herausforderung zunächst die, alle Maschinen, Computer und insbesondere die Eismaschine am Laufen und deren Zuläufe offen zu halten. „Ideal sind -15 Grad zum Arbeiten, das Eis friert sehr schnell und man kommt gut voran,“ erzählt Stan. „Bei -30 Grad fängt das Equipment an zu frieren und bei -40 frieren die Schläuche langsam zu.“

Denn die Brücke wird Schicht um Schicht aufgebaut. Auf einer komplizierten Ballonkonstruktion wird Eiswasser aufgesprüht. So entsteht Lage für Lage Eis, die irgendwann so haltbar ist, dass im fertigen Zustand ein Auto darüber fahren können soll.  Das Eis wird mit Zelluloseschnitzeln vermischt, um der Eiskonstruktion mehr Halt zu geben.

Mehr Eis - mehr Kälte

Das Projekt ist die Abschlussarbeit der beiden niederländischen Studenten Roel Koekkoek und Thijs van de Nieuwenhof. Beide studieren Gebäudetechnik an der TU Eindhoven und sind begeistert vom Eis als Baumaterial.

(Quelle: Mediateam Bridge in Ice / www.strucuralice.com)
(Quelle: Mediateam Bridge in Ice / www.strucuralice.com)

Als wir ins Gespräch kommen, kann man die Leidenschaft der beiden fast mit Händen greifen. „Es hat eine unglaubliche Schönheit,“ so Roel. „Es ist schnell und leicht zu verarbeiten und es verschwindet dann irgendwann wieder. Es ist nichts für die Ewigkeit.“

Sie hoffen auf bessere Wetterbedingungen, der momentane Stillstand macht sie unruhig. „Erst war es zu kalt, einige Maschine sind kaputt gegangen, jetzt ist es zu warm. Wir brauchen ein paar mehr Minusgrade. Vielleicht können wir schon heute nacht weiter Eis sprühen:“

Die Initiatoren Roel und Thijs ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Die Initiatoren Roel und Thijs besprechen die nächsten Schritte

Ihr Traum pusht sie regelrecht. „Wir arbeiten viel, schlafen wenig und wenn, dann träumen wir von Eis, und trotzdem gibt uns die Atomsphäre hier unglaublich viel Energie.“ So arbeiten sie seit 30 Tagen durch – ohne einen Tag frei. Und wann immer ich auf der Baustelle herumlaufe, Roel und Thijs sind auch irgendwo, krabbeln gerade auf einen Kran, pusten Schnee von der Eiskonstruktion, kontrollieren die Maschinen.

Zwei Dinge begeistern Thijs vor allem:  „Normalerweise baut man als Abschlussarbeit ein Modell. Aber man weiß nie, ob es funktionieren würde. Wir machen es real! Zum anderen arbeiten hier 170 Freiwillige in the middle of nowhere (in der Mitte von Nirgendwo). Und nur deshalb, weil sie uns helfen wollen. Das ist schier unfassbar!“

Experiment: größte Eisbrücke der Welt - Ort: Juukka ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Es schneit immer noch. Zwischendurch suchen die Mitarbeiter Unterschlupf in einem beheizten Bauwagen, ruhen sich aus und tanken ein bisschen Wärme. „It’s an once in a lifetime experience (Eine Erfahrung, die man nur einmal im Leben macht),“ sagt Stan mit leuchtenden Augen und zieht sich wieder seine Handschuhe an. Und gerät dann ins Schwärmen. Einmal habe er abends Polarlichter gesehen. Sein Freund habe ihn gerufen, er solle schnell rauskommen. Die grünen Streifen am Himmel haben ihm Gänsehaut verursacht.

Houston, wir haben ein Problem

Viele Freiwillige aus dem Ausland engagieren sich für die Eisbrücke. Das Lockmittel: eine Woche Kost und Logie kosten 350 Euro. Zwei Wochen oder auch sieben Wochen kosten genauso viel. Die Freiwilligen leben in einem ehemaligen Restaurant im Ort. Sie kochen selbst und schlafen schichtweise in einem großen Schlafsaal.

„Houston, wir haben ein Problem“, kommt mir am nächsten Tag in den Sinn. Es schneit unentwegt und ist mit wenigen Grad unter null viel zu warm, um Eis zu produzieren. Stattdessen muss unentwegt der Schnee von der Ballkonstruktion gefegt werden, damit der Druck auf selbige nicht zu groß wird. Erst zu kalt – dann zu warm – das wirft den gesamten Zeitplan durcheinander.

Schnee Mit Sonne In Juuka ©Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Auch wenn es nicht so aussieht: es ist viel zu warm.

Öffentlichkeit und Sponsoren sind sehr wichtig, sagt Arno Pronk, Architekt und Forscher an der Technischen Hochschule Eindhoven, der die Verantwortung für das gesamte Projekt trägt. „Die Studenten sind engagiert, der Teamgeist gut und mit sieben Nationalitäten sind wir ein netter melting pot.“

Soziale und interkulturelle Leistung

Trotz aller Widrigkeiten finden die Studenten am Abend Zeit, Eishockey zu spielen. Die örtliche Eishockey-Herren-Mannschaft hat eingeladen, wer gewinnt, ist letztlich egal, es geht mehr um den Spaß. Die Einheimischen organisieren auch Huskytouren und andere Events für die Studenten. Es ist ihnen anzusehen, dass sie sich freuen, dass im Winter was los ist in ihrem ansonsten so beschaulichen Dorf.

Ich wohne unterdessen weiter bei Jouni, seiner Frau Eija und seinem aufgedrehten Hund, der jedes Mal schier durchdreht, wenn ich das Wohnzimmer betrete. Dann lautet die erste Frage meist: Möchtest du Kaffee? Denn den gibt es hier zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Zimmer unter dem Dach.

Am zweiten Tag sitzt Eija im Schaukelstuhl am Ofen und strickt. Socken. Wie so viele hier. Sie beendet die Fäden und drückt mir die grünen Socken in die Hand. Sind eher  Strümpfe als Socken. „Probier mal!“ Sie passen. Wie angegossen.  „Dann behalt sie an. Warme Füße sind wichtig.“

Kinder der umliegenden Schulen besuchen das Eisprojekt in Juuka
Kinder der umliegenden Schulen besuchen das Eisprojekt in Juuka

Das ist neben der technischen und architektonischen sicher die soziale oder interkulturelle Leistung des Projekts: es bringt nicht nur Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen, Universitäten und Länder zusammen. Es bringt auch Einheimische und Auswärtige zusammen, viele verschiedene Nationalitäten, Alte und Junge, Kopf- und Handarbeiter. „Hier herrscht eine andere Form der Gemeinschaft,“ erklärt Thijs. „Die Menschen arbeiten mehr und enger zusammen und inspirieren sich gegenseitig.“

Eisbrücke: Das Ende des Traums

Montag Morgen 4 Uhr: Der große Traum ist ausgeträumt – die Ballonkonstruktion fällt, das Eis bricht – stehen bleiben nur die Brückenpfeiler. Die Studenten haben den Kampf gegen das zuletzt viel zu milde Wetter verloren.

(Quelle: Mediateam Bridge in Ice)
...ausgeträumt... ©Quelle: Mediateam Bridge in Ice/Thomas Meijermann

Am Samstag wäre Eröffnung gewesen. Enttäuschung macht sich im Team breit. Monatelange Vorbereitungen, sechs Wochen Arbeit rund um die Uhr – alles umsonst. Die vielen jungen Studenten haben bis zur letzten Minute mit Hilfe der Einheimischen gekämpft. Ein großer Traum ausgeträumt. Gegen das Wetter waren sie machtlos.

Aber manche Erkenntnisse bleiben: „Die Finnen sind die nettesten Menschen, die ich kenne,“ so Stan. „Sie sind so gastfreundlich und hilfsbereit.“ Heidi Tanskanen von der örtlichen Stadtverwaltung ist eine von Dutzenden, die im Hintergrund arbeiten und organisieren. Im Kopf hat Heidi noch das Fußballspiel vor ein paar Tagen, als Einheimische und Studenten gegeneinander angetreten sind und mit einem Augenzwinkern, in dem aber auch ein wenig Stolz mitschwingt, meint sie: „ Das war wohl das erste Mal, das Finnland im Fußball gegen die Niederlande gewonnen hat.“

Die offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten finden trotzdem statt – auch als Dank an alle Helfer und Sponsoren – zu bestaunen gibt es die Schneebar, Candela, Schneepark und anderes mehr. Solange, bis der Frühling einzieht und alles wegschmilzt.

Und dann war da noch die Frage, warum die Finnen so viel Milch trinken. Diese Frage führte mich über Umwege in stockdunkler Nacht in einen Stall mitten im Wald bei Juuka.  Mehr dazu in meinem Buch „111 Gründe, Finnland zu lieben. Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt.“

Schon mal Eisschwimmen probiert? Das ist wirklich shocking….

2 Kommentare zu „Die größte Eisbrücke der Welt“

  1. Steger Roswitha

    Dieses Land hat eine unergründliche Schönheit und auch Mystik,leider hab ich es nie gesehen,weiß aber von Menschen die schon dort waren,. dass ein unheimlicher, kaum wiederzugebender Reiz von den Bewohnern ausgeht und auch von den Besuchern Platz ergreift

    1. Liebe Roswitha, das ist sehr treffend und sehr schön von dir beschrieben. Ja, so geht es mir auch. Danke! Schönen Tag! tarja

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