Manchmal vergessen sie, dass sie Finnen sind

Fussball EM 2021

Das finnische Fußballwunder

Die Huuhkajat im Freudentaumel

Eigentlich ist Finnland ja eine Eishockeynation. Seit dem 15.11.2019 ist das ein wenig anders – wegen König Fußball. Und wegen Pukki. Der historische Sieg über Liechtenstein. Damit – und jetzt haltet euch fest (Tusch!) – qualifizierte sich das Land das allererste Mal überhaupt in der Geschichte für die Europameisterschaft im Fußball.

Es ist das finnische „Sommermärchen“ – lange Zeit als Außenseiter belächelt und in der FIFA-Rangliste nicht mal unter den besten 100 – wurde Finnlands Fußball Nationalteam eher als Witz denn als Quelle des sonst wohldosierten Nationalstolzes betrachtet. Doch das änderte sich schlagartig im November 2019 – insofern müsste man das deutsche Sommermärchen umtaufen in das finnische Herbstmärchen. Seitdem werden die HUUHKAJAT (Die Uhus) nicht mehr belächelt. Jetzt steht Finland in der FIFA-Weltrangliste auf einem respektablen 54. Platz.

»Wunder geschehen, weil Gott existiert. Und Teemu Pukki.«

Die allererste Fussball EM Teilnahme

Nach dem größten Fußballtriumph in der Geschichte ihres Landes waren die Finnen im tagelangen Freudentaumel.
Ganz Finnland? Nein, Fußball-Finnland! Also der Teil, der sich schon so lange nach einem Erfolg gesehnt hat. Seit Generationen fieberten sie diesem entscheidenden Sieg entgegen. Und jeder von ihnen hoffte, dass es noch zu den eigenen Lebzeiten soweit sein würde. Jetzt hat es endlich geklappt mit »Das Runde muss ins Eckige«. Das finnische Fußball-Märchen wurde wahr. Die evangelisch-lutherische Kirche twitterte an diesem Abend nach dem Sieg der Finnen: »Wunder geschehen, weil Gott existiert. Und Teemu Pukki.«

Seit über 80 Jahren bemühen sich die Huuhkajat (Uhus) unter Schweiß, Mühsal und Muskelkater, an einer Welt- oder Europameisterschaft teilzunehmen. Pukki und seinen Mitspielern ist es gelungen. Neun der insgesamt 15 Tore in der Qualifikationsrunde gingen allein auf Pukkis Konto. Der ehemalige Schalker bringt die Schals auf den Rängen zum Wedeln und die unterkühlten Finnen zum Jubeln. Oder wie ein YLE-Reporter am historischen Fußballabend meinte: »Die Jahrzehnte des Elends sind vorbei!«

Und sie hatten Glück im Unglück – durch die Pandemie. Denn die Fußball-EM 2020 wurde verschoben. Das heißt, die Finnen konnten sich ein Jahr länger auf ihre erste EM-Teilnahme freuen.

Eishockey in Finnland: Finnische Fans im Stadion ©Foto: Tarja Prüss| tarjasblog.de
Auch die Eishockeyfans werden in der Vorrunde die Daumen drücken

Fußball in Finnland

Nein, Fußball hat nicht so einen hohen Stellenwert wie in Deutschland, Italien oder Spanien. Eishockey ist Nationalsport in Finnland. 200.000 spielen aktiv in einem der 428 Vereine. Dreimal waren die Finnen Weltmeister, zuletzt 2019 mit dem »Wunder auf Eis«. Die Nationalmannschaft spielte nämlich gänzlich ohne die Stammspieler aus der nordamerikanischen NHL, worauf die finnische Presse vom »schlechtesten Kader der Geschichte« sprach. Dennoch kickte genau dieser Kader die ewigen Gegner Schweden, Russland und Kanada aus dem Rennen.


Für die erfolgsverwöhnten Deutschen ist es vielleicht schwer nachzuvollziehen, was diese EM-Teilnahme für die Finnen bedeutet. Nach Jahrzehnten des Misserfolgs, der neidischen Seitenblicke auf die Nachbarn und der demoralisierenden Niederlagen sind sie nun im Fußballhimmel – ganz egal, wie das Turnier ausgehen wird.
»Wir haben sogar vergessen, dass wir Finnen sind«, sagte einer der Fans. Denn sie taten einfach, was ihnen ihr Herz sagte: rannten aufs Spielfeld, umarmten Spieler und Trainer Markku Kanerva, lachten und weinten gleichzeitig. Statt „We are the champions“ sangen sie aus vollen Herzen: „Me ollaan sankareita kaikki, jos oikein silmiin katsotaan“ (»Wir sind alle Helden, wenn wir uns tief in die Augen schauen«). Die kühlen, schweigsamen Nordlichter waren ganz aus dem Häuschen und so gar nicht unterkühlt und beherrscht. Später feierten sie auf dem Marktplatz Helsinkis weiter: Tavataan torilla (Treffen am Marktplatz) – die finnische Devise, um Erfolge zu feiern.


Und Havis Amanda, die nackte Schönheit am Hafen, musste auch wieder herhalten. Fans kletterten auf die Bronzeskulptur, wie sie es sechs Monate zuvor schon beim Weltmeistertitel im Eishockey getan hatten.
Fast kommt es einem so vor, als würden sie gegen ihre Natur leben. Als wären sie im Innersten ihres Herzens lebenslustige, nahbare Menschen – aber ein böser Zauberer hätte ihnen vor Urzeiten in einer tiefschwarzen Nacht einen Trunk verpasst, der sie nüchtern, kühl und verschwiegen scheinen lässt, sodass sie gar nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, man selbst zu sein. Nicht wirklich natürlich. Aber als Nation, als Identität, als Kollektiv.

Finnlands Präsident empfängt das Nationalteam

Finnlands Fußball-Nationalmannschaft ist sogar kurz vor der ersten EM-Teilnahme ihrer Geschichte vom finnischen Präsidenten Sauli Niinistö empfangen worden. Das 72-jährige Staatsoberhaupt überreichte dem Team eine finnische Schlüsselfahne, eine Fahne mit großer symbolischer Bedeutung. Normalerweise würden diesen Schlüssel nur die Gewinner eines bedeutenden Wettbewerbs erhalten, sagte Niinistö. „Aber es ist bereits ein Sieg, an dieser Europameisterschaft teilzunehmen.“

 

Und bei Areena Audio gibt es zur EM einen eigenen Kanal: Huuhkajaradio bespricht die neuesten Nachrichten aus dem finnischen Team und geht die heißesten Themen der Europameisterschaft durch. Die Journalisten sind Jussi Vainikka und Jarmo Lehtinen.

Wenige Stars, aber sisu!

Einer der Konstanten im finnischen Nationalteam ist Lukas Hradecky, Finnlands Sportler des Jahres und Torwart bei Bayer 04 Leverkusen. Einige werden auch Glen Kamara kennen, Stammspieler der Glasgow Rangers. Und natürlich der „Held“: Teemu Pukki (31), der zunächst als Youngster auf Schalke sein Glück suchte, es dann jedoch in England so wirklich fand. Auch dort gilt er als Torgarant. Nicht zu vergessen die Nachwuchshoffnungen Marcus Forss und Onni Valakari, die im Freundschaftsspiel gegen Frankreich für eine kleine Sensation sorgten. Denn die beiden, die gerade mal ihr A-Mannschaft-Debüt feiern konnten, trafen ins Eckige.

Ok, große Namen mag man im finnischen Fußball-Nationalteam vielleicht vergeblich suchen, aber das ist in diesem Fall wohl auch nicht das Entscheidende. Denn die Finnen haben etwas, mit dem sie all das wettmachen können: Sisu. Und auf diesen – vielleicht 12. unsichtbaren Mann auf dem Platz – könnnen sie sich verlassen. Außerdem ist es als Ausgangsposition immer gut, wenn man als Underdog gilt.

 

 

 

INFO: Wie es zum Namen Huhhkajat kam, diese Geschichte findest du in meinem Buch 111 Orte in Helsinki, die man gesehen haben muss

 

 

Fußball EM Vorrunde

Das Huuhkajat EM-Abenteuer beginnt am Samstag in Kopenhagen gegen Dänemark. Am Mittwoch drauf trifft die Mannschaft in St. Petersburg auf Russland. Das letzte Spiel der ersten Gruppe findet am 21. Juni in St. Petersburg gegen Belgien statt. Hier gehts zum gesamten Spielplan für die EM. Mit dem „Huuhkajat-Express“ sind sie vor wenigen Tagen am Bahnhof in Helsinki Richtung St. Petersburg aufgebrochen.

  • 12. Juni: Dänemark – Finnland
  • 16. Juni: Russland – Finnland
  • 21. Juni: Belgien – Finnland

Finnlands Nationalteam

Tor

  • Lukas Hradecky (1989), Bayer 04 Leverkusen
  • Jesse Joronen (1993), Brescia Calcio
  • Carljohan Eriksson (1995), Mjällby AIF

Abwehr

  • Joona Toivio (1988), BK Häcken
  • Paulus Arajuuri (1988), Pafos FC
  • Daniel O’Shaughnessy (1994), HJK Helsinki
  • Jukka Raitala (1988), Minnesota United FC
  • Niko Hämäläinen (1997), Queens Park Rangers
  • Nikolai Alho (1993), MTK Budapest
  • Jere Uronen (1994), KRC Genk
  • Leo Väisänen (1997), IF Elfsborg Boras
  • Albin Granlund (1989), Stal Mielec
  • Juha Pirinen (1991), AS Trencin

Mittelfeld 

  • Glen Kamara (1995), Glasgow Rangers
  • Tim Sparv (1987), AE Larisa
  • Rasmus Schüller (1991), Djurgardens IF
  • Joni Kauko (1990), Esbjerg fB
  • Robin Lod (1993), Minnesota United FC
  • Robert Taylor (1994), SK Brann
  • Onni Valakari (1999), Pafos FC
  • Pyry Soiri (1994), Esbjerg fB
  • Fredrik Jensen (1997), FC Augsburg

Sturm

  • Teemu Pukki (1990), Norwich City
  • Marcus Forss (1999), FC Brentford
  • Joel Pohjanpalo (1994), Union Berlin
  • Jasse Tuominen (1995), BK Häcken

Trainer

  • Markku Kanerva (1964)


Fußball und andere Sportarten


9.000 Sportvereine gibt es in Finnland und Umfragen zufolge sind 90 Prozent der Bevölkerung einmal in der Woche sportlich aktiv. Zu den beliebtesten Sportarten bei Kindern und Jugendlichen zählen Fußball und Eishockey. Und irgendwie scheint es in der finnischen DNA zu stecken, sich gegenseitig zu messen. In zahllosen Marathonveranstaltungen, Hindernisläufen oder auch Langlaufrennen powern sich Tausende Finnen unter dem Beifall ihrer Landesgenossen so richtig aus.

 

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