Rentiere in Lappland - Inari ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Osmo & seine Rentiere

Osmos Rentiere haben keine Namen. Nur so was ähnliches wie Namen: Härkä, stura kanta, rikke tsalme, huutomerkki, ryssän valkko, poikki sarvi, leviä sarvi, kapea sarvi, luosta kylki vaami. Bezeichnungen, die ihre Statur, ihr Fell oder ihr Geweih beschreiben. Also keine Namen im herkömmlichen Sinn. Damit man über sie reden kann. Mit der Frau oder dem Nachbarn.

Osmo Seurujärvi ist Sami und Rentierzüchter in der Region Inari in finnisch Lappland.

Rentiere in Lappland

Auf dem Weg zu seiner Farm fahren wir an Orten wie Lintumaa und Kaunispää vorbei. Poetische Ortsnamen, wie sie wohl nur in den Köpfen der Samen entstehen können.

Bis zu sieben Monate im Jahr ist hier hier der Boden schneebedeckt. Wie seine Vorfahren kennt Osmo all die Formen und Zustände von Schnee. Er kann den Schnee lesen wie andere Zeitung. Doch seit einigen Jahren hat sich der Schnee verändert. Spricht Osmo von diesem neuartigen, ungewohnten Schnee, mischt sich Sorge in seine Stimme. Der Winter ist unberechenbarer geworden. Und das bedroht die traditionelle Lebensweise der Sami.

Die Jungtiere, die im vorigen Sommer auf die Welt gekommen sind, leben um Osmos Haus herum. Sie sind scheu. Schon seine Großeltern haben hier Rentiere in Lappland gehalten. Es dauert nicht lang und die ersten jungen Rentiere tauchen in meinem Blickfeld auf. Geschlossen in der Herde trappeln sie an uns vorbei. Osmo hat Leckereien für sie dabei: einen ganzen Sack voll getrocknetes Moos. Leckereien für den Nachwuchs.


Das Jäkälä-Moos enthält Stoffe, die ihr Blut davor bewahrt zu gefrieren, wenn sie durch die eisige Arktis ziehen. Es ist also sowas wie für Autos das Frostschutzmittel. 

Rentiere in Lappland - Inari ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Junge Rentiere

Rentiere wechseln Augenfarbe

Mit ihren weichen Hufen schweben sie scheinbar lautlos über den Schnee. Und ich lerne, dass die Augen nur im Winter so blau aussehen. Rentiere können nämlich die Hintergrundfarbe ihrer Augen ja nach Jahreszeit verändern: im Sommer sind sie gelblich, um besser gegen Sonneneinstrahlung geschützt zu sein. Im Winter dagegen mehr bläulich.

Im Pulk laufen sie von links nach rechts, von rechts nach links. Ein Rentier verheddert sich beim Richtungswechsel im grobmaschigen Zaun, Osmo eilt ihm zur Hilfe und befreit es behutsam. Und wie er das Tier anfasst, einerseits mit großer Kraft, andererseits mit von Klein auf gelernten Griffen, spürt man sofort, Osmo ist nicht nur Fachmann, er liebt seine Tiere.

Wie er das Rentier befreit, kannst du hier im Video sehen:

 

Geweih = Fingerabdruck

Ich lerne, dass Rentier-Geweihe schneller wachsen als jede andere Art von Knochen auf der Welt. Die Geweihe können bis zu zwei Zentimeter am Tag wachsen. Solange sie wachsen, sind sie von einem durchbluteten Material umgeben, das sich anfühlt wie Samt. Jedes Geweih ist einzigartig wie ein Fingerabdruck. Und in der Familie der Hirsche sind sie die einzigen, bei denen auch die Weibchen Geweihe tragen.

15 Stunden ist Osmo im Schnitt jeden Tag draußen. „Gerade im Winter sind es lange Tage. Von Oktober bis April habe ich keinen Tag frei. Da komme ich manchmal erst abends um 10 Uhr nach Hause.“ Denn dann muss er häufiger nach den Rentieren sehen, manchmal diese oder jene in eine andere Richtung treiben, Futter an entlegenen Stellen auslegen, je nach Wetterlage.

 

Osmo und seine Rentiere in Lappland - Inari ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland
Osmo Seurujärvi

„Ja, der Klimawandel macht mir Angst. In den vergangenen Jahren kam der Schnee, der die Rentiere gut trägt, ein bis zwei Monate zu früh. Das macht unsere Arbeit viel schwieriger,“ sagt Osmo. Auch muss er mittlerweile häufiger Heu zukaufen, damit die Tiere nicht hungern. Und trotzdem gibt es viel weniger Kälber im Frühjahr, beklagt er.

Auch wenn seine Tiere keine Namen haben, kennt kennt er sie genau. Zum einen natürlich an der Ohrmarkierung. Jeder Rentierzüchter hat sein ganz eigenes, unverwechselbares Kennzeichnen. Aber auch an ihrer Zeichnung und an ihrem Verhalten.

Geduldig erklärt Osmo, ergänzt, schränkt ein, fügt hinzu. Damit wir Nicht-Rentier-Menschen die Rentier-Menschen besser verstehen.

Rentiere in Lappland stehen auf Rentiermoos

Und dann fragt er mich, ob ich sie füttern möchte. Na klar möchte ich. Wir knien uns also in den Schnee und bieten den Rentieren auf der flachen Hand getrocknetes Moos an. Die Neugier besteht auf beiden Seiten. Schwer zu sagen, wo sie überwiegt. Auf jeden Fall schaffen es die jungen Tiere, dass ihre Neugier ihre Angst besiegt. Zögerlich und scheu kommen die ersten auf uns zu, während die anderen lieber abwarten, was wohl passiert.

Ihr Schnauzen sehen ganz weich aus. Pulverschnee klebt an ihren samtigen Schnauzen. Zupfen mir das Moos aus der Hand, weichen ein paar Schritte zurück und fangen genüsslich an zu mampfen.   

So niedlich sie auch sind, sie ringen mir angesichts ihrer perfekten Anpassung an die arktischen Bedingungen enormen Respekt ab. Sie ertragen Temperaturen von -60 Grad Celsius, wandern mitunter über tausende Kilometer in riesigen Herden und übertreffen alle anderen Landlebewesen in Sachen Energieeffizienz. So fangen hohle Haare die eiskalte Luft ein, wärmen sie auf und isolieren die Tiere perfekt.

Kein Wunder, dass Osmo Schuhe aus Rentierfell trägt.

Überschüssige Wärme, etwa durch langes Rennen, können sie nur über die Nase oder die Beine abgeben, der Rest des Körpers ist durch das extrem dichte Fell extrem isoliert.

Klimawandel in Lappland

Osmo zeigt, wie er moderne Technik einsetzt, um seine Herde zu orten.  Neben Motorschlitten und Handy setzt Osmo auch GPS ein. Drei seiner Rentiere haben ein GPS Halsband, mit der er sie orten kann. Er zeigt uns auf seinem Laptop, wo sie sich derzeit aufhalten. Ein rotes Dreieck taucht auf einer Karte am Bildschirm auf, wie ich es von Wanderkarten kenne. Osmo sagt: „Oh, die sind ganz schön weit nach Osten gezogen.“

Das gab es früher nicht. Da musste ein Rentierzüchter wissen oder spüren oder ahnen, wo seine Tiere sind. Es war fast wie eine Schnitzeljagd, gepaart mit Erfahrung und gutem Spürsinn. Früher waren aber auch die Winter anders, betont der Rentierzüchter erneut. „Früher, da waren die Winter kälter. Und der Schnee war anders als heute. Lockerer, softer, weicher.“ So weich, dass junge Kälber es als Nest nutzen konnten, sagt Osmo.

Mittlerweile sei der Schnee hier in Lappland von anderer Konsistenz, was den Rentieren zu schaffen mache. Das Fortbewegen im Schnee sei trotz ihrer breiten, weichen Hufe heute beschwerlicher. Denn die Winter seien insgesamt wärmer. Der Schnee enthält deswegen mehr Feuchtigkeit und wird schwerer. Oder noch schlimmer: der Schnee taut an und gefriert bei kälteren Temperaturen wieder. Das lässt ihn hart werden. So hart, dass die Rentiere mit ihren Hufen den Schnee nicht mehr beiseite schieben und an das Moos gelangen können. Im schlimmsten Fall drohen sie dann zu verhungern. So geschehen vor einigen Jahren auf der Jamal-Halbinsel in Sibirien.

Auch sei kein Verlass mehr aufs Wetter, die Vorhersagen schwieriger.  Für ihn deutliche Zeichen des globalen Klimawandels, der sich in den arktischen Regionen spürbar deutlicher zeigt. Wissenschaftler liefern dafür die messbaren Beweise: die Temperaturen in Lappland steigen doppelt so schnell wie im restlichen Europa.

Auch kann sich Osmo an einen Winter vor einigen Jahren erinnern, als das Rentiermoos aufgrund von eingeschlossener Feuchtigkeit schimmelig und somit für die Tiere ungenießbar wurde.

Norwegische Forscher haben herausgefunden, dass die Rentiere heutzutage im Schnitt 2,5 kg weniger wiegen. Auch das eine Folge des Klimawandels, den hier niemand bestreitet.

Rentiere in Lappland - Inari ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Der Lebensraum wird enger

Neue Wirtschaftszweige wie Teststrecken für Autos oder auch die geplante neue Eisenbahnstrecke zwischen Rovaniemi und Kirkenes machen es den Samen wie Osmo nicht leichter. „Rentiere in Lappland brauchen sehr große Wandergebiete. Jede größere Baumaßnahme nimmt den Tieren Lebensraum weg.“ Wie das ihre Wanderzüge beeinflussen wird, ist oft Gesprächsthema unter den Rentierhaltern.

Wie die Rentiere darauf reagieren, ist völlig unklar. Was aus ihren langen Wanderungen würde. Uralte Wege. „Niemand weiß es,“ sagt Osmo. Selbst wenn man Tunnel für die Rentiere unter den Gleisen bauen würde: „Wir wissen nicht, ob das funktionieren würde. Wir haben keine Erfahrungen damit.“

„Es ist eine harte Arbeit, ein hartes Leben,“ sagt Osmo. „Aber ich mache es gern.“ Es scheint eine Art Bestimmung zu sein, habe ich den Eindruck. Die Traditionen und Lebensweise der Eltern, der Großeltern, der Vorfahren fortsetzen, weiterführen und somit am Leben erhalten.

„Hier gab es früher sogar eine Schule“, sagt Miina, seine Frau, nicht ohne Stolz in der Stimme. Heute gebe es keine mehr. Nur drei Familien hier haben Kinder, sagt sie achselzuckend. Ihr Satz bleibt im Raum hängen. Eine kurze, beklemmende Stille entsteht. Wie eine dunkle Wolke, die plötzlich aufgezogen ist.

Dass in den Schulen wieder auf samisch unterrichtet wird, ist wichtig und gut, sagt Osmo. Er glaubt nicht, dass die samische Kultur ausstirbt. Das läge zum Glück nicht in den Händen der Zentralregierung, sondern in ihren eigenen.

Zum Schluss möchte ich noch von Osmo wissen, wie das nun mit den Fliegenpilzen ist. Rentiere können Fliegenpilze essen, ohne daran zu sterben. Und Menschen können sich anschließend angeblich mit dem Urin der Rentiere berauschen – Fliegenpilz-mäßig high werden. Doch Osmo lacht nur. Ja, das habe er auch schon irgendwo mal gehört.

Rentiere in Lappland - Inari ©Foto: Tarja Prüss | Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Fakten zu Rentieren


5 Kommentare zu „Osmo & seine Rentiere“

  1. Pingback: Der Februar bei den NordNerds - Meermond - Monatsrückblick

  2. Hallo! Selten so eine lesenswerte Geschichte über Klimawandel und Lappland gelesen! Freu mich immer wieder, deine schönen Geschichten zu lesen und ein bisschen mitzureisen in dem Moment. Danke, Tarja!

    1. Vielen lieben Dank, Simon – das ist genau das, was mir immer neu Motivation gibt weiterzumachen. DANKE!
      Tarja

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