Saunieren gegen den Klimawandel

Eine Sauna auf 2.000 Meter Höhe – aufgeheizt nur durch Sonnenenergie – und zugleich als Katalysator für Nachhaltigkeit und gegen Hunger, Armut und Klimawandel

Tarja Prüss ©Foto: Jan Stöver

Tarja

Eine Solar Sauna gegen den Klimawandel …klingt verrückt? Mag sein. Es braucht mutige Köpfe, kluge Ideen und Durchhaltevermögen – gepaart mit dem Glauben an das vermeintlich Unmögliche. Dann kann eine Solar Sauna nicht nur ein Hilfsmittel gegen den Klima­wandel sein, sondern auch ein Instrument gegen Armut und Hunger in der Welt. Sechs Menschen aus Finnland, der Schweiz, Kanada und Frankreich haben eine verblüffend einfache Idee entwickelt, wie man kostengünstig Wärme – sprich Energie – erzeugen kann.

Eine Solar Sauna auf dem Berg

Eine Solar Sauna mitten in den Schweizer Bergen – auf 2.000 m Höhe – zwischen Klee, Alpenastern und Enzian – idyllisch an einem kleinen Bergsee gelegen. Berg­hänge, die sich dem strahlend blauen Himmel entgegenstrecken – dazu ein paar weiße Wolkentupfer – in einem Prospekt der Schweizer Tourismusindustrie kann es kaum schöner aussehen. Diese Bergwiesen, die prall gefüllt sind mit Kräutern, Bergblumen und kleinen Schön­heiten. So idyllisch, wie man sich die heile Welt eines Heidi-Films vorstellt.

Ein steiler Weg führt hier rauf, vorbei an putzigen Holzhäusern, dessen dicke Bohlen von der Sommersonne und Winterkälte gezeichnet sind, verziert mit flatternden Fahnen mit weißem Kreuz. Das Land, in dem dem Klischee nach Milka-Milch und Toblerone-Honig fließen. Das Land des Alphorns und Bernhardinerhundes, der roten Taschenmesser und der swissmade-Chronometer; das Land der Kühe, Käse und Fondues. Eine Insel mit zwei Bergen … ok – aber eine Sauna in den Bergen? Hoch droben auf den Gipfeln?

Heuberge Fideris in der Schweiz bei Sonnenaufgang ©Foto: Tarja Prüss
Heuberge Fideris in der Schweiz bei Sonnenaufgang ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Reiseblog Finnland

Im Winter tummeln sich hier tausende Skifahrer, Rodler und Schitourengeher. Die  Heuberge verfügen über die längste Rodelbahn der Schweiz – 12 km lang. Doch jetzt im Sommer ist es vergleichsweise ruhig. Ein paar Wanderer logieren in der Heuberge. Und während man im Tal auch nachts schwitzt, ist es hier oben nachts angenehm kühl. 25 Grad erreicht das Thermometer tagsüber. Nicht genug für eine Sauna. Warum überhaupt eine Sauna in diesem Schutzgebiet bauen?

„Jeden Winter haben wir weniger Schnee. Wir brauchen neue, zukunftsfähige Ideen.“

Solar Sauna in Fideris Schweiz ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Finnland
Solar Sauna in Fideris Schweiz ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Finnland

Klimawandel: Immer weniger Schnee

Der Klimawandel macht auch vor den Heubergen nicht Halt. „Jeden Winter haben wir weniger Schnee. Und Schneekanonen sind wegen des Schutzgebietes nicht erlaubt“, so Henrik Vetsch, der Chef der Heuberge. Deswegen haben sie eine Konferenz veranstaltet, bei der ein Preis ausgeschrieben wurde: für die beste nachhaltige Zukunftslösung für diese Region. Damit sie überleben kann – auch ohne Pisten, Schlittelwege, Einkehrschwung und Aprés Ski. „Vom Wintertourismus können wir langfristig gesehen nicht überleben, also brauchen wir neue Ideen“, sagt Hendrik Vetsch, Geschäftsführer der Heuberge und Sohn einer finnischen Mutter.

Vielleicht hatte es die Saunaidee deshalb auch so leicht. Gewonnen hat ein junges Startup Unternehmen mit Sitz in Finnland. Das Prinzip ist so einfach wie genial, die Idee dahinter weit mehr als nur finnische Lebensart. Es geht um nicht weniger als die Lösung globaler Probleme wie das Energieproblem, die Armut und der Klimawandel.

INFO:

Die Fideriser Heuberge liegen im Herzen vom Prättigau Graubünden und bieten den längsten erschlossenen Schlittelweg der Schweiz an. Es gibt drei Skilifte und drei Hotels. Das Berghaus Arflina, das Berghaus Heuberge und ein Chalet werden von Sarah und Henrik Vetsch geführt.

Solar Sauna: mit Wellness gegen Armut

Die Sauna ist dabei nur der Trigger, der Katalysator. Mit Wellness Kult gegen die Armut in der Welt – schräg, aber bei genauerem Hinsehen durchdacht, nachhaltig und zukunftsorientiert.

Die Sauna besteht neben dem Schwitzraum aus einer Spiegelkonstruktion, die sich – auf einem Holzgerüst, das einem Schlitten ähnelt – um die eigene Achse drehen kann. Eine vier Quadratmeter große Spiegelfläche fängt die Sonnenstrahlen ein und bündelt sie in einem Kasten an der Sauna. Dort sind Glasplatten angebracht, die das Licht in einen Schacht leiten, wo es dann auf eine schwarze Stahlplatte trifft, die sich dadurch sehr schnell erwärmt. Diese Wärme wird ins Innere der Sauna abgegeben. Sprüht man Wasser auf die speziell behandelte Stahlplatte, verdunstet es sofort und trägt zur weiteren Erwärmung der Sauna bei. Dampf, der dem Aufguss in einer klassischen Sauna entspricht. In nicht mal einer Stunde ist die Sauna aufgeheizt. Für Gäste haben die Heuberge ein spezielles Sauna-Paket entwickelt.

Derzeit muss der Saunamajuri (Saunameister/Saunamacher) das Spiegelfeld noch händisch nachjustieren, wenn die Sonne weiter wandert. Künftig soll das mit einem Steuerrad direkt aus der Sauna heraus möglich sein.

Solar Sauna in Fideris Schweiz ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Finnland
Wanderer fragen neugierig nach ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog

Nachhaltige Idee für ärmere Regionen

Denn das, was wir hier testen, ist der Prototyp von Lytefire Sauna. So heißt das Startup Unternehmen mit Sitz in Vesilahti bei Tampere (Finnland), das nach demselben Prinzip auch Öfen anbietet – z. B. für Bäckereien in Kenia, Namibia u. a. Ländern. Die Sauna als Prototyp für viele andere mögliche Anwendungen.

„Statt drei Stunden lang jeden Tag nach Holz zu suchen, können die Menschen mit Hilfe der Sonne schnell und kostengünstig heizen, kochen und backen“, sagt Urs Riggenbach, einer der Gründer von Lytefire Sauna. Der Solothurner hat Humanökologie studiert und ist über Aufenthalte unter anderen in Indien, Kenia und Südamerika hautnah mit dem alltäglichen Überlebenskampf der dortigen Menschen in Kontakt gekommen. „Was globale Themen wie Klimawandel, Flüchtlingsbewegungen und Armut angeht, stecken wir noch in den Kinderschuhen“, so Urs Riggenbach.

„“Das ist eine echte Lösung, die anderswo viel bewirken kann – und zwar ohne direkte Aufforderung, sich mit Problemen wie Armut auseinanderzusetzen.“

– Urs Riggenbach

„Einfache Spiegel gibt es überall auf der Welt,“ erklärt Urs. Sie fangen die Sonnen­strahlen ein, bündeln sie und spiegeln sie weiter in einen quadratischen Kasten. Dort entstehen so bis zu 600 Grad nur durch Sonnenenergie. Auch alle anderen Materialien sind überall zu bekommen. Auf Hightech-Produkte wurde bewusst verzichtet. „Die Technologie soll überall funktionieren, leicht zu handhaben und zu reparieren sein“, sagt Urs. Zusammen mit fünf Freunden gründete er 2012 die Solarfirma Lytefire mit Hilfe von Crowdfunding – unter den ersten Projekten waren Backöfen für kleine Bäckereien in Kenia. Nun hoffen sie, mit der Solar Sauna mehr Menschen für das Thema zu begeistern.

Solar Sauna in Fideris Schweiz ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Finnland

Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt: Die Solar Sauna kann in unterschiedlichen Größen hergestellt werden. Der Prototyp hier entstand in Zusammenarbeit mit einem Zimmermann im Tal und einer Schulklasse, die die Spiegelkonstruktion gebaut hat. Läuft alles planmäßig, soll der Bauplan als open source Wissen später für alle freigegeben werden.

Hotels könnten Solarsaunen für zwei bis zwölf Personen anbieten und die Abwärme für die Warmwasseraufbereitung nutzen. Die Technologie kann aber auch für Backöfen, Pizzaöfen und Brotbacköfen genutzt werden. Oder auch zum Rösten von Kaffeebohnen und Nüssen.

Schwitzen mit gutem Gewissen

Meine Freundin und Bloggerkollegin Kati von saunamaailmalla und ich lassen es uns natürlich nicht nehmen, einen Saunagang einzulegen. Das Wasser auf den Saunasteinen zischt, die Wärme ist angenehm, der Dampf verteilt sich sanft im ganzen Raum. Irgendwie ist es schwitzen mit gutem Gewissen. Denn die Sonne schenkt uns ihre Wärme, ohne dafür eine Rechnung zu stellen. Anschließend sitzen wir bei einem finnischen Bier am Ufer des kleinen Sees und genießen das Bergpanorama. Noch lange diskutieren wir über die globalen Herausforderungen, wie alles miteinander zusammenhängt und was passieren müsste. Vielleicht ist die Solar Sauna ein erster Schritt.

Mit Dank an Lytefire Sauna und Heuberge für die Unterstützung und die Gastfreundschaft.

Mehr Infos über die Solar Sauna: urs.riggenbach@lytefire.com

Videos zur Solar Sauna: Lytefire auf Youtube.

Wer mehr über finnische Sauna wissen will, dem empfehle ich Katis Saunablog http://saunamaailmalla.com/. Dort gibt es Infos auf finnisch, englisch und auf deutsch.

Oder auch hier auf Tarjas Blog:  Finnisch entschleunigen: Vom Geist der finnischen Sauna.

Heuberge Fideris Schweiz ©Foto: Tarja Prüss - Tarjas Blog - Finnland
Bluamäwäg in den Fideriser Heubergen, 2000 müM ©Fotot: Tarja Prüss - Tarjas Blog
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